Hightech macht nostalgisch

Im Herbst werde ich nostalgisch. Wenn der feuchte Duft frisch abgeernteter Äcker übers Land zieht, leichte Nebel in den Wiesen stehen – herrlich. Dann will ich wieder zurück aufs Land. Raus aus der anonymen, hektischen, so naturfernen Großstadt. Und wieder ins warme, ruhige Idyll – das es zwar sicher nicht mehr gibt, aber das Gefühl von damals steigt wieder auf.

Schon komisch: Kurz vor der Pubertät hegte ich warme Gefühle für elektronische Rechenmaschinen. Ich stand stundenlang am Schaufenster eines Ladens, der eigentlich Büroeinrichtungen vertickte. Und da standen schicke XTs. Die unfassbar teuer waren – aber ich hatte mir ausgerechnet, wenn ich mit einem Nebenjob fünf Mark pro Stunde verdienen könnte, und jede Woche sechs Stunden arbeiten ginge, dann  hätte ich den Kaufpreis bereits nach 900 Wochen zusammen. Von diesen auf dem Schreibtisch thronenden Kästen ging eine Faszination aus, die ich nie in Worte fassen konnte. Keine zehntausendmal ambitioniertere Playstation, kein moderner PC, auch nicht mein tolles SmartPhone haben mir solche wohligen Schauer über den Rücken laufen lassen wie der bloße Anblick eines beigegrauen Kastens, an den vorne eine Schreibmaschinentastatur eingestöpselt wurde und auf dem ein eigener Monitor mit wahlweise grüner oder gelbbrauner Schrift stand.

Mein erster Sinclair ZX-81, den mir mein Onkel schenkte, war ein Traum! Ein echter Computer, mit 16 Kilobyte Speichererweiterung – so viel, dass alle Listings dieser Welt reingepasst hätten. Man konnte damit den ganzen Bildschirm mit kleinen schwarzen Quadraten “vollplotten” lassen. Das war großes Kino. Zumal es das Elektronenhirn in der Basisversion gerade mal schaffte, den Bildschrim zu drei Vierteln zu füllen – dann war 1 Kilobyte weggespeichert und das On-Board-RAM voll…

Der ZX-81 brauchte keinen Bernsteinmonitor. Er wurde an den Fernseher angeschlossen – ein unerhörtes Sakrileg! Aus der BlackBox TV-Gerät, in der ansonsten nur staatstragende Nachrichten von staatstragenden Nachrichtenbeamten verlesen wurden, die mit raumschiffteuren Kathodenstrahlkameras aufgezeichnet und – alleine Heinrich Hertz weiß, wie – durch den Äther geschickt wurden. Über diese BlackBox bestimmten plötzlich ich und mein ZX-81. Ich konnte mich selbst wie Prof. Hase vom ZDF fühlen, war jetzt auch ein kleiner “Intendant”. Den Ex-Hacker und Bachmannpreisträger Peter Glaser hat dieses Faszinosum Anfang der Achtziger Jahre ebenfalls erfüllt, wie er dem “Elektrischen Reporter” erzählt hat. 

Richtig wohlige Schauer trieb mir aber der “128-er” über den Körper. Den hatten einige Klassenkameraden zu Hause stehen – und der war ein echter “Meta-Rechner”. Der hatte drei Betriebsmodi und konnte den ebenfalls totgeilen C64 einfach so emulieren. Wahnsinn! Ein Computer im Computer – wer demgegenüber kalt blieb, musste entweder ein Mädchen gewesen sein (sorry, aber das war so), oder er hatte die virtuelle Tür einfach nicht gesehen, die damit in die Zukunft aufgestoßen wurde. Ich sah sozusagen der Evolution beim evolutionieren zu. Ich stand auf der Schwelle einer Zeitenwende hin zum schwulstlos Guten und Schönen, hin zum technisch perfekten Modernen. Ich war also Teil der Weltgeschichte! Vielleicht war das der Grund für das warme Gefühl, das mich bei dieser Achtziger-HighTech erfüllte.

Es war auch gar nicht der Elektronikkasper selbst, was ich so faszinierend fand. Es war nicht das technische Zwiegespräch zwischen mir und dem Computer, nicht das Gefühl der Macht über die Maschine. Es waren die Sinneseindrücke: Ich fand die Bilder und die Töne, die der Kasten produzieren konnte, wahnsinnig tool. Mein Kassettenrekorder schepperte – der Computer proudzierte saubere Sinusklänge. Meine Foto-Schnappschüsse waren unscharf und verwaschen – die neuen VGA-Karten der PCs zauberten scharfe, plastische, ja “echte” Bilder auf den Screen. Das war es, was mich am meisten faszinierte. Schon die kleinen bunten “Sprites” des C64 nahmen mich gefangen. Was die AT-Rechner konnten, verschlug mir den Atem. Und als bei meinem Onkel plötzlich ein Amiga stand, entbrannte ich in nimmer enden wollender Liebe… Stereosound! Realistisch, wie er nur noch vom Atari ST errechnet werden konnte. 4096 Farben – mehr, als Michelangelo je hätte zusammenmischen können (dachte ich). Und ein Foto von Tutenchamuns Totenmaske als Standard-Beispielbild , das in seiner kristallenen Klarheit mich nicht nur als Foto aus den Schuhen hob, sondern auch noch die Exotik Ägyptens sowie den Fingerzeig auf die Unsterblichkeit mittransportierte.

Der Amiga war die Krone der mikroelektronischen Schöpfung, ohne Frage!

Heute rechnet mein Handy schneller als dieser Wundercomputer, zeigt nicht nur mehr Farben, sondern spielt auch Videos ab – und passt in die Hosentasche. Aber alles, was nach den Achtzigern kam, war nur noch seelenlose Weiterentwicklung. Es war keine Initialzündung mehr, man stand nicht mehr auf der Schwelle in eine glückselige Zukunft, sondern war schon durch die Tür hindurchgegangen und längst weiterspaziert.  Und so ist das nunmal mit dem Spazierengehen: Dem Anfang wohnt noch ein Zauber inne. Bald aber werden die Beine schwer und die Füße wund, meist läuft man stupide in dunklen Tälern entlang und nur selten gelingt einem der Aufstieg auf einen guten Aussichtspunkt. Der Alltag nimmt das Faszinosum. Selbst über ein iBook würde ich mich nur kurze Zeit freuen – dann wird es ein alltägliches Instrument sein, das man halt benutzt wie einen Dosenöffner.

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Über Harald Ille