Manchmal ist Timing alles. Nicht das eigene Timing unbedingt – es reicht, wenn sich andere Gedanken um ein gutes Timing machen. Ein Twitterer namens @zielpublikum ist so einer. Sendet er doch just in dem Moment einen Tweet an die Stadt Frankfurt, als ich gerade anfangen will, städtischen Öffentlichkeitsarbeitern das “Phänomen” Twitter erklären zu wollen.
Baa-zing knallt @zielpublikum einen Tweet auf unsere Timeline, der alles hatte, was ich zum Erklären brauchte.
zielpublikum: Endl.de: Frage an die Stadt Frankfurt (Amt für Straßenbau und Erschließung) http://bit.ly/6J77pP @stadt_ffm #frankfurt
Nun bin ich kein Didakt. Und darum immer unvorbereitet. Und darum umso glücklicher gewesen über diese nicht gerade weltbewegende Anfrage.
- Im absolut richtigen Moment kam ein brauchbarer Tweet eines tatsächlich identifizerbaren Frankfurter Followers reingebeamt.
- Der brauchbare Tweet war eine Frage an uns, die ich eigentlich sofort hätte beantworten können (wenn ich auch nur die geringste Ahnung von dem fraglichen Sachverhalt gehabt hätte) .
- Das Stück Text war twittergrammatikalisch vorbildlich gebaut: Absender, Website, Ansinnen, Adressat der Anfrage, Link via Standard-Twitter-Linkverkürzer, Twitter-Adressat und Frankfurt-Hashtag – alles drin, alles dran!
- Der Tweet stand die ganze Zeit ganz oben in der Suchausgabe. Kein aktuellerer Tweet konnte oder wollte ihn von seinem Platz verdrängen – und ich konnte ihn aller beamtengleichen Gemütsruhe auseinander nehmen.
Nun ist, wie gesagt, das eigene Timing nicht entscheidend. Das ging nämlich in die Binsen. Am Abend zuvor hatte @zielpublikum noch im Publikum des 1. Frankfurter Twittwochs gesessen; hungrig, wie wohlmeinende Sitznachbarn mitteilten, aber aufmerksam lauschend. Mir lauschend. Ich musste das Twitterabenteuer erklären, auf das sich die Stadt eingelassen hatte. Und hab unser selbstverständliches Selbstverständnis erklärt, dass wir dialogorientiert sind und gerne ein offenes Ohr für alle Frankfurter haben.
Wer sowas vollmundig erklärt, muss am nächsten Tag mit gespitztem Griffel bereit sitzen und auf die Fragen warten, die da kommen werden. Weil: Diese Fragen werden so sicher kommen wie das Amen in der Kirche, und wenn man dann nicht parat steht – au weia. Dann ist die Glaubwürdigkeit flöten, auf die man sich Tags zuvor noch so viel einbilden zu können glaubte.
Und so war’s dann auch: die Glaubwürdigkeit bekam einen großen Kratzer. Eine Laune des Terminkalenders wollte – wie oben erläutert -, dass wenige Stunden nach dem Twitter-Vortrag eine Twitter-Fortbildung an- und ich in einem Seminarraum stand, anstatt in meinem Büro der Test-Tweets des vortäglichen Publikums zu harren. Erwischt!
Was @zielpublikum also bislang nicht wusste – und deshalb reime ich den Sermon hier ja zusammen -, ist: Ja, ich hab den Tweet just-in-time gelesen. Ich habe mich mit ihm so ernsthaft auseinandergesetzt wie mit keinem anderen Tweet zuvor. Ich habe ihn zusammen mit zwanzig Kollegen analysiert, die mir gute Tipps zur Beantwortung gegeben haben.
Aber ich hab für die Welt sichtbar erst nach dem Workshop auf den Post reagiert. Vier Stunden später. Viel zu spät. Und das ganze Twitterpublikum vom Vorabend hat zugesehen, wie der arme Tweet einfach nicht “zeitnah” beantwortet wurde, unbeantwortet blieb für einen ganzen langen Nachmittag. Ich hab die Anfrage bis heute nicht beantwortet. Ein Kollege vom Verkehrsdezernat hat’s getan.
Nächstes Mal, wenn ich einen Vortrag halte, nehme ich mir danach eine Woche frei. Nach Diktat verreist. Nur des Timings wegen.









ach, was war das schön, als wir noch Briefe an die Verwaltung geschrieben haben und nach ein paar Wochen eine Antwort im Briefkasten lag. Heute muss ja alles und sofort innerhalb von 30 Minuten beantwortet sein, weil es ja auch total wichtig und unaufschiebbar ist, zu wissen, warum nun eine Straße keinen Fahrradweg besitzt. Wenn erstmal alle Frankfurter Rentner mit Twitter- und Facebook-Accounts ausgestattet sind, wird ohnehin keiner mehr die Zeit haben, die tausenden von Anfragen, Beschwerden und Eingaben zu beantworten.
Ich finde 4 Stunden voll in Ordnung … Wenn die Frage gelautet hätte: „Ich stehe hier – darf ich jetzt fahren?“, wäre das sicher was anderes, aber so …
Das wäre noch einfacher gewesen, da hätte ein “ja sicher, auf der Fahrbahn” ausgereicht. Um Nils Bremer zu beruhigen: Der gewohnte Verwaltungsweg wird uns allen ganz sicher erhalten bleiben, ggf. aber mit dem Unterschied, dass die Wege, auf denen Fragen und Anliegen an die Verwaltung herangetragen werden, um neue Wege erweitert sind. Will man das Prinzip der Antwort im gleichen Medium (“Brief hin, Brief zurück”) fortführen, ist die Beschäftigung mit der Frage unausweichlich, wie mit “neuen Medien” umgegangen werden soll. Dazu ist Vorbedingung, diese Wege zu kennen, zu verstehen und vor allem wahrzunehmen – ohne Hinweis auf Tweet oder Blogeintrag wäre die Frage unbeantwortet geblieben, allein schon weil nicht auf alles ein Google Alert gesetzt werden kann (um zB Einträge wie diesen zu finden). Jedoch stünde eine Frage ansonsten unbeachtet im Raum und die Verwaltung ggf. dumm da – das lässt sich ändern, manchmal schnell (wenn die Antwort einfach ist und keine Zuarbeit benötigt), manchmal in gewohnter Gründlichkeit. Und das wird sich auch schwerlich ändern lassen.
Grüße aus dem Verkehrsdezernat,
IB
@Ingmar Bolle: Servus!
@Nils: Außerdem fehlt ein wichtiger Aspekt, den Social Media ja bietet: Die Informations- und Beantwortungswege sind nicht mehr uni- oder bidirektional. Wenn viele “Rentner”* (*Bezeichnung von der Redaktion geändert) viele Fragen starten, finden sich vielleicht ebenso viele andere “Rentner”*, die die Frage kompetent beantworten können und wollen. Dann braucht’s die Verwaltung als Auskunftsstelle vielleicht gar nicht mehr so dringend, weil die viel gerühmte “Intelligenz der Masse” viele Anfragen vorher schon abfängt und erledigt.