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Wer Widerspruch will, muss zu den anderen

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Ich bin in keiner Partei. Auch, weil ich mit einer Merkwürdigkeit nicht umgehen kann, die offenbar Grundvoraussetzung für eine zufriedene Parteimitgliedschaft sein muss: Das erfolgreiche Verdrängen der argumentativen Widersprüche in der eigenen Partei bei gleichzeitig genüsslichem Sezieren der Widersprüchlichkeiten des politischen Gegners. Widersprüche sind notwendigerweise Teil des Lebens. Man tut Dinge, obwohl sie nicht vernünftig sind, oder man hält an Gewohnheiten fest, die schaden. So weit, so normal. Außerdem lernt man hoffentlich ständig dazu und revidiert je nach Situation ehemals für unabänderlich gehaltene Gewissheiten. Das ist das Leben.

Aus Sicht eines Parteimitglieds scheint das anders zu sein. Die eigene Partei wird wider alle Wirklichkeit als gefestigt und daher definitionsgemäß als widerspruchsfrei wahrgenommen, während die reichlichen Widersprüche beim politischen Gegner natürlich dessen Charakterschwäche und Boshaftigkeit zu belegen scheinen.

Wie zum Beweis hat Dr. Matthias Zimmer, ein außerhalb des parteipolitischen Bereichs sehr kluger, gewerkschafts- und arbeitnehmernaher Bundestagsabgeordneter der CDU, nun ein Positionspapier verfasst, das exakt in einem solchen Zustand von Wirklichkeitsblindheit entstanden sein muss. Matthias Zimmer schreibt über den derzeitigen Lieblingsfeind der CDU, die Grünen. Diese hätten kein konsistentes Menschenbild, mithin keine Werte, und würden wegen dieser fehlenden Wertorientierung ihre ohnehin nicht vorhandenen Grundsätze aus machtpolitischen Erwägungen heraus opfern. So wie ihren Pazifismus im Bosnienkrieg etwa. Unausgesprochen streichelt Zimmer mit diesem etwas schrägen Angriff die Seele seiner eigenen Partei: Wir sind die Guten, die selbstverständlich niemals aus irgendwelchen niederen Machtinstinkten heraus ihre Grundsätze aufgeben würden. Schon allein deshalb, weil diese Grundsätze seit Jahrhunderten gefestigt seien. Die Grünen in ihrer Homogenität aber seien gewissen- und geschichtslose Parvenüs, die ihr Fähnchen in den Wind halten.

Diese Einschätzung sichert Zimmer das Gejohle seiner Parteigenossen, das durch einen unnötig miesepetrigen Verweis auf die sicher auch wahltaktisch motivierte Zickzack-Politik der CDU-Parteichefin nicht gestört werden sollte. “Die” Grünen stimmen nach sehr harten Diskussionen über die moralische Verpflichtung, Milosevic nach dem Massaker von Srebenica militärisch in den Arm zu fallen, gegen ihre bisherige pazifistische Überzeugung. Für Zimmer ein untrüglicher Beweis ihrer Werte- und Gewissenlosigkeit. Hä? Der Mann lehrt Politikwissenschaft. Er muss also mehr über die “wahre” machtpolitische Motivation der Grünen in dieser Frage wissen als ich. Oder er unterstellt eine solche, weil sie gut in das Weltbild seiner Partei passt, die – wohlgemerkt – sich eines christlichen bezichtigt?

Ich verzichte hier auf eine maliziöse Aufzeichnung des, nennen wir es: Lernprozesses, der die CDU unter Angela Merkel in den letzten Jahren durchmachen musste reifen ließ. Den Atomwiederein- und dann Dochwiederausstieg nur als ein klitzekleines, sicherlich zu vernachlässigendes politisches Randthema, das – so würde Zimmer sicherlich argumentieren – ja nur die Festigkeit der Grundwerte belegt. Der wertelose politische Gegner wackelt wie ein Eselschweif im Wind, die CDU hingegen steht fest wie Granit und passt ihre Überzeugungen geänderten Rahmenbedingungen an… Über soviel Pragmatismus muss der “Gutmensch” wirklich mal kurz den Kopf schütteln.

Apropos: Diesen albernen konservativen Kampfbegriff benutzt Dr. Zimmer gerne, weil ihm der Beifall seiner Parteigenossen erneut sicher ist. Ehrlich: Ich bin zehnmal lieber ein Gut- als ein Bösmensch, auch wenn der CDU-Stammtisch dazu bierselig gröhlt. Das sagt mir schon mein christliches Menschenbild – das der CDU sieht vermutlich anders aus.

Matthäus 7: Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge?

Okay, CDU und Grüne sind keine Brüder, vor allem nicht im Geiste. Dann gilt Matthäus Sieben auch nicht, gell, Matthias Zimmer?

Wie gesagt, ich verstehe nicht, wie Akademiker mit mehrfach nachgewiesenen intellektuellen Fähigkeiten derart unaufrichtig argumentieren können. Aber vielleicht ist das der Widerspruch, der zum Leben gehört. Wobei, nein, widersprüchlich ist ja nur der politische Gegner…

Ich werde nie in eine Partei eintreten können. Ich kann das einfach nicht.

Über Harald Ille

Ehemals Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main. Macht jetzt auf Online für die Heidelberger Uniklinik. Journalist, Historiker, Dozent. Analogue native. Legt hier hauptsächlich seine Arbeitsproben ab. Schreibt noch auf http://www.bahnhofsviertelnacht.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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