Zirkuläre Fragen drehen sich nicht etwa im Kreis, wie man meinen könnte. Zirkuläre Fragen versuchen, die subjektive Nabelschau von Bewerbern durch eine Erweiterung des Gesichtskreises vermeintlich zu objektivieren, den ‘Blick’ anderer Personen in und auf diese Nabelschau mit einzubeziehen: Freunde, Kollegen, evtl. Familie.
Dumm nur: im Bewerbungsgespräch ist keine dieser Personen dabei. Also greifen Personaler zu dem – aus ihrer Sicht nachgerade genialen – Kniff, der Bewerber selbst solle diese Personen ‘spielen’. Oder zumindest sich vorstellen, was diese denn über ihn so sagen würden. Eine klasse Idee. Auf diese Weise lernen Nichtschwimmer sicherlich auch zu schwimmen.
Ich habe mit der Vorstellung ein Problem, dass zirkuläre Fragen zu einer Objektivierung führen könnten. Ich denke, dass sie das Gegenteil bewirken: Sie verfestigen subjektive Einschätzungen, fördern Unehrlichkeit. Und bewirken damit nicht das, was die Personalentwickler sagen: Dass man sich dann von außen betrachtet, einen objektiveren Blick auf sich selbst bekommt und seine eigene Person reflektiert. Sondern sie decken auf, was die Personaler eigentlich damit bei Bewerbern überprüfen wollen: Sind sie selbstsicher und arrogant genug, sich trotz der Einbeziehung ihnen wichtiger Menschen in diese Selbstreflexion weiterhin als die Besten, Größten und Tollsten darzustellen?
Das kann ja gar nicht anders sein. Eine eigentlich sehr gute Personalentwicklerin hat sich vor einigen Jahren nolens volens in einem Coaching hinter die Stirn schauen lassen. Sie hat die Anekdote erzählt von einem Vorgesetzten, der sich beruflich weiterentwickeln wollte und in einem Bewerbungsgespräch saß, wo ihm die zirkuläre Fragefalle gestellt wurde – in die der arme Mann prompt tappte. (Das Adjektiv ‘arm’ entstammt meiner Interpretation – die promovierte Personalentwicklerin hielt ihn für einen Idioten. Daher hat sie die Anekdote erzählt.) Was war passiert? Die Interviewer hatten dem Bewerber die zirkuläre Frage gestellt, was denn seine Untergebenen über ihn sagen würden. Nach einigem Nachdenken gab er eine Antwort, die ihn aus dem Verfahren kegelte. Die Personalentwicklerin war später in ihrer Erzählung immer noch sehr aufgebracht darüber: ‘Wie kann denn eine Führungskraft so etwas sagen?’
Was hatte der arme Mann geäußert? Oder was hatte er während seiner längeren Nachdenkphase getan? Ich weiß es logischerweise nicht aus erster Hand, aber es scheint mir absolut plausibel, dass er in eine Empathiefalle getappt ist. Er hat gesagt: ‘Naja, vielleicht würden meine Mitarbeiter sagen, ich sei nicht entscheidungsstark genug.’ Falle zugeschnappt.
Ich denke, der Bewerber hatte den Sinn der zirkulären Frage genau im hinterlistigen Sinne der Falle interpretiert: als Frage nach seiner Empathie und seiner eigenen Bescheidenheit, als Frage danach, ob er ein rücksichtsloser Boss sei – und als Frage danach, ob er sich überhaupt um die Meinung seiner Untergebenen schere und selbstkritisch sein kann. ‘Jetzt nur nicht arrogant wirken und empathisch sein. Und durch die Mitarbeiterbrille sagen, dass ich eben kein Haudrauf-Boss bin. Mich selbst auch kritisch beleuchten – das ist professionell.’ Klar, er hätte sagen müssen, das ihn seine Mitarbeiter für teamorientiert halten und seinen dialogischen Stil sehr schätzen. Aber: Die zirkuläre Frage hatte ihn mit ihrer vermeintlichen Empathieebene einfach überrumpelt.
Und die Interviewer wussten jetzt: Okay, der Typ ist zu weich und zu ehrlich für den neuen Job. Selbstkritik, durch vermeintliche Objektivierung gewonnen? Idiotisch. Keine vernünftige Führungskraft würde sowas machen…
Ich werde zirkuläre Fragen zukünftig nicht beantworten. Jedenfalls nicht so, dass ich mir ERNSTHAFT vorstellen würde, was meine Freunde oder Kollegen über mich denken könnten (ganz abgesehen davon, dass es wirklich sehr seltsam anmuten würde, sie tatsächlich zu fragen). Ich werde eine fiktionale Antwort geben. Eine, die die Empathie- und Selbstkritikfalle hoffentlich umschifft. Ungefähr so: ‘Meine Kollegen? Halten mich für die Stütze und das kreative Zentrum unserer Organisation’. Bescheidenheit? Iwo. Ehrlicher Versuch, die tatsächlichen Haltungen der Kollegen zu ergründen und abzuwägen? Ich bin doch kein Dummkopf. Selbstkritik? Pfff…
Zirkuläre Fragen sind hinterhältig. Sie öffnen in maliziöser Art und Weise eine Tür zu einem vermeintlich geschützten Raum der Selbstreflexion und Selbstkritik. Man sollte als Bewerber tunlichst vor dieser Türe stehen bleiben! Wenn der Raum betreten wird, ist es zu spät. Wer einen Job haben will, sollte lügen.
Ich spiele daher das ganze Spiel nicht mit. Und werde, wenn ich selbst mal auf der anderen Seite des Bewerbungsgesprächsschreibtisches sitzen sollte, auch keine stellen. Aber dazu wird es leider nicht kommen. Es ruft ja leider niemand mehr an…