„Wo laufen sie denn?“

Die Niederräder Rennbahn in Sachsenhausen feiert im August mehrere Jubiläen

Sie ist typisch für Frankfurt. Mitten im Grünen gelegen, mit einem atemberaubenden Blick zur Skyline: die Niederräder Galopprennbahn. Sie war die erste in Deutschland, die ihr Geläuf nach dem Zweiten Weltkrieg öffnete, und als „große Bahn“ führt sie heute internationale Rennen mit den schnellsten Pferden der Welt durch – als einzige in ganz Hessen.

Frankfurt am Main (pia) Ebenso wie Hessen in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiert, blickt auch die Frankfurter Galopprennbahn auf eine 60-jährige Nachkriegsgeschichte zurück: Am 18. August 1946 galoppierten die ersten Vollblüter wieder über das traditionsreiche Frankfurter Geläuf. „Sie zählt zu den bedeutendsten und ältesten Rennbahnen Deutschlands“, sagt Andreas Haase, Geschäftsführer des Renn-Klubs Frankfurt am Main, ehrfurchtsvoll. Und in der Tat: Tradition hat die Bahn, die am 20. August 1865 vor den Toren des Frankfurter Stadtteils Niederrad eröffnet wurde. Ein Frankfurter Fürstentag hatte zwei Jahre zuvor den Ausschlag für ihren Bau gegeben. Damals fand das erste Galopprennen statt, auf einem Rennplatz „links der Mainzer Chaussee“. Über den galoppierten die gekrönten Häupter wie der damalige österreichische Kaiser und der bayerische König mit ihren Lieblingspferden. Klar war, Frankfurt brauchte ein „richtiges“ Renn-Oval.

Mitbegründer der Rennbahn und erster Präsident des damaligen „Rheinischen Rennvereins“ war Bankchef Albert von Metzler. Vor 140 Jahren kamen zu den Renntagen hauptsächlich Adlige, Offiziere, Kaufleute und Bankiers – doch nach und nach wurde Niederrad zu einer Bahn für die Frankfurter Bürger. Heute bilden die bis zu 13.000 Besucher pro Renntag einen Querschnitt durch die Gesellschaft ab – schließlich kostet der Eintritt weniger als ein Kinobesuch. Und auch die Wetteinsätze kann sich jeder leisten. Mit einem Euro kann man bereits aufs richtige Pferd setzen. „Und wenn die Pferde dann mit donnernden Hufen in den Endkampf kommen, gehen alle Zuschauer mit und feuern sie an. Alle sind gleich, egal, ob sie nun einen Euro gesetzt haben oder hundert“, schwärmt Andreas Haase von der prickelnden Atmosphäre der Rennbahn.

Fast ebenso erschwinglich wie ein Rennbahnbesuch kann auch der Besitz eines Galoppers sein. Denn immer mehr Besitzer teilen sich Kaufpreis, Training und Unterhalt der edlen Tiere. Die Frankfurter Besitzergemeinschaft „Galopp-Club Rhein-Main“ gehört mit ihren Pferden zu den erfolgreichsten in Deutschland. „Tanko“, „Sambucan Daze“ und „New Inspiration“ sind nur drei von rund 110 Pferden, die derzeit in Niederrad von insgesamt fünf Trainern auf Höchstleistungen vorbereitet werden. Für die sprichwörtliche Rossnatur wird einiges getan: ausgefeilte Trainingspläne und spezielles Kraftfutter, Führmaschinen zum Aufwärmen und Lockern, Solarien in jedem Stall. Trainer Clemens Zeitz behandelt die sensiblen Kraftpakete sogar mit Magnetfeldtherapie.

Täglich – und das heißt sieben Tage die Woche – werden die Pferde umsorgt und trainiert. Sommer wie Winter geht es morgens früh um 6.30 Uhr raus auf das Trainingsgeläuf. Allerdings: Die Karriere der Rennpferde dauert oft nur drei Jahre. „Wir haben keine Stars wie Michael Ballack, die lange dabei sind“, sagt Renn-Klub-Geschäftsführer Haase. Das macht es dem Galoppsport schwer, „seine“ Stars richtig bekannt zu machen. Wirtschaftliche Probleme kommen hinzu. „Die Wetteinnahmen sind eingebrochen“, klagt Haase. Private Wettanbieter versprechen im Internet das schnelle Geld, ohne dass man die schnellen Pferde zu Gesicht bekommt.

Daher musste der Renn-Klub die Renntage von 19 auf elf reduzieren. „Ohne Sponsoren, die die Renntage abdecken, würde es nicht mehr gehen“, beschreibt Event-Managerin Birgit Gutermann die Situation. „Daher wird auch die Zweitvermarktung immer wichtiger.“ Die 1.600 Meter lange Niederräder Bahn ist nun für Sommerfeste, Firmenfeiern oder Produktpräsentationen zu mieten: Sieben- bis achttausend Euro muss man für die gesamte Anlage zahlen. Dazu kann exklusiv noch ein Trainingsrennen gebucht werden. Darüber hinaus erhalten auch menschliche Sportler, zum Beispiel bei den „Walking Days“ der Barmer Ersatzkasse und der Deutschen BKK, auf der Rennbahn eine Chance. Die Walker sind die einzigen, die auf das Geläuf der Rennpferde dürfen. Sonst ist die Bahn tabu, damit Löcher oder vergessene Gegenstände keine Gefahr für Pferde und Jockeys darstellen. Zwischen dem Geläuf gibt es jedoch einen Golfplatz – mit einem einmaligen Ausblick auf die Rennbahn und die Frankfurter Wolkenkratzer. „Wenn ich einen schlechten Tag hatte, setze ich mich abends auf die Tribüne, schaue mir zehn Minuten die Lichter der Skyline an – und es geht mir wieder besser“, schwärmt Andreas Haase.

Dass er dann streng genommen im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen sitzt, ist auch eine Frankfurter Besonderheit: Nur wenige wissen, dass die Niederräder Rennbahn überhaupt nicht in Niederrad liegt. Hans-Günther Winklers legendäre Wunderstute Halla, die auf der Bahn lernte, ist streng genommen also ein Sachsenhäuser Produkt. Die uralte, von Komiker Wilhelm Bendow gestellte Rennbahn-Frage: „Ja, wo laufen sie denn?“ ist hier zwischen Kennedy-Allee und Rennbahnstraße also wirklich angebracht …

Harald Ille

[erschienen am 15. August 2006 als „Wochendienst“ des Presse- und Informationsamts. PDF-Datei: WD Galopprennbahn]

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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