Quadraturamplitudenmodulation

Soll ich die Blogosphäre mit meinen Problemen mit „Unitymedia“ nerven? Soll ich das Netz vollschreiben mit meinen Flüchen, die ich letzte Woche mit Inbrunst ausgestoßen habe? Soll ich Bytes und Energie verschwenden, nur, um bare Selbstverständlichkeiten in meinem Zorn niederzuschreiben?

Nein, das wäre nicht fair. Schließlich hat letztendlich doch alles geklappt. Aber einen Sündenbock abzuwatschen, der seinen Sitz zudem in Köln hat, ist ein zu verführerischer Gedanke, als dass man ihm nicht einige Sekunden lang nachhängen sollte.

Jedenfalls: Unitymedia hat am 20. Mai seine Digitalprogramme neu gruppiert. Für meine TV-Karte hieß das: „Die Öffentlich-Rechtlichen sind weg!“ Einzig „da“ waren der Premiere-Infokanal und sein weitaus weniger spannender Klon von -na? – Unitymedia.

Sendersuchlauf: Fehlanzeige. 78 verschlüsselte Fernseh- und sieben Premiere-Hörfunkprogramme hat meine schon leicht angestaubte Hauppauge Win-TV Nexus an den ersten beiden Tagen identifiziert. Zu wenig, um wirklich von einer digitalen Vollversorgung sprechen zu können, und vor allem zu verschlüsselt, um überhaupt als „Fernsehprogramm“ wahrgenommen werden zu können.

Hilflos war ich. Schlecht gelaunt. Kaum geschlafen habe ich. Graue Schläfen und einen Bauch bekommen habe ich. Okay – das analoge Kabel-Fernsehbild ist seit 20. Mai deutlich schärfer. Vor allem 3sat und der SWR, die jahrelang verrau(s)cht waren wie eine südfranzösische Bahnhofsbar. Aber ich brauche doch Arte und den Dokukanal, BR-alpha und NDR-Kultur – zum Mitschneiden zum Freude dran haben.

Die TV-Dose sei’s, sagen mir die Internetforen. Die sei wohl zu alt und dämpfe die Sonderkanäle S02 und S03 zu stark. Ich hab bereits vor einem halben Jahr zwei nigelnagelneue Dosen installiert (nacheinander, versteht sich). Also nochmal eine gekauft, mit kaum Dämpfung, rückkanalfähig, mit allem Zwick und Zwack und einem Satellitenanschluss als Zyklopenauge oben in der Mitte. Auch diese Hightech-Dose mit vergoldeten Anschlüssen für 20 Euro rückt die Öffentlich-Rechtlichen nicht raus.

Das, was ich eben spüre, muss also „Verzweiflung“ sein.

Wieder eine Nacht nicht drüber geschlafen. Dann mit dem Mut, den die Verzweifelten oftmals am Schopfe packen, die TV-Dose aus der Wand gerissen und den PC direkt an das aus der Wand hängende Installationskabel geflanscht.

Keine Öffentlich-Rechtlichen. Ich solle den Elektriker kommen lassen, raten mir die FAQ von Unitymedia. Die Hausanlage sei zu oll‘, steht da, müsse komplett ausgetauscht werden.

Jetzt steigert sich die stille Verzweiflung zu rasendem Aktionismus: Ich rufe bei der EWT an, dem Netzebene-4-Anbieter aus München. Wenn mir jemand nicht helfen kann, dann sind es die Nachfolger von Bosch Telecom und Vorgänger von TeleColumbus. Und tatsächlich können sie mir nicht helfen, sie beantworten nicht mal persönlich meinen Notruf.

Google hingegen antwortet. Mehrere hundert Mal auf die substantiell gleiche Anfrage, meistens halt mit anderen Tippfehlern variiert: „Wie komme ich wieder an mein altes ARTE?“ Mehrere Megawattstunden haben diese Suchanfragen wohl verbrannt – mir wäre jedes Joule wert, wenn Google mir sagt, wie ich wieder stinknormal ZDF gucken kann.

Und Google kann. Nach fünf Tagen. Der Weg zur Erleuchtung ist beschwerlich und tränenreich, aber er lohnt: 256 QAM heißt die Lösung. Die Unitymedias haben die Quadraturamplitudenmodulation mir nichts dir nichts modernisiert. Ohne ein Sterbenswörtchen zu sagen, zu drucken, zu mailen, über den EPG auf meinen PC zu schleusen. Die können mich alten 64er-Freak jetzt mal, echt.

Ich schicke denen jedes einzelne graue Haar mit 512 QAM zurück. Ehrlich. Sowas macht man doch nicht. Ich bin doch kein Elektrotechniker!

Die Riesenauswahl an ARD-Hörfunksendern ist übrigens genial. Danke, Unitymedia!_

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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