2200 Tonnen rechtwinklig gedreht

Frankfurt erhält nach über 100 Jahren eine neue Mainquerung im Ostend

Frankfurt am Main (pia) Genau 27 Brücken verbinden das Südufer des Mains mit dem Norden, vom Arthur-von-Weinberg-Steg ganz im Osten der Stadt bis zur Sindlinger Mainbrücke weit im Westen. Zwei Staustufen und eine Fähre kommen hinzu, zwei Tunnel für U- und S-Bahn graben sich unter dem Fluss hindurch. Dieser Tage bekommt Frankfurt eine weitere wichtige „Mainquerung“ hinzu, wie es korrekt im Planerdeutsch heißt: die Mainbrücke Ost, informell bereits „Osthafenbrücke“ getauft. Sie löst ein hundert Jahre altes Verstopfungsproblem im Osten Frankfurts und beweist Ende August, welch grandiose Ingenieursleistungen nötig sind, um einen 175 Meter langen Stahlkoloss an seinen künftigen Platz zu hieven. Einen Koloss, der die Kleinigkeit von 2.200 Tonnen auf die Waage bringt, 24 Meter breit ist und 21 Meter hoch über dem Fluss thronen wird. Zusammengeschweißt wurde das Stahlskelett am nördlichen Mainufer, am Morgen des 20. August wird die Brücke dann zu Wasser gelassen: Voraussichtlich zweieinhalb Tage wird das „Einschwimmen“ dauern.

2.200 Tonnen einschwimmen

Der Vorgang ist selbstverständlich komplex. Zuerst wird die Brücke auf einer Seite angehoben und auf zwei Lastwagen gesetzt, die jeweils 1.400 Tonnen tragen können. Diese drehen das 175 Meter lange Ungetüm um 90 Grad und schieben es auf den Main hinaus, wo es auf schwimmenden Plattformen in seine Position zwischen den Widerlagern links und rechts des Mains gezogen wird. Bis zu neun Seilwinden halten die Brücke auf Kurs, die, wenn sie exakt am richtigen Platz zu stehen kommt, dann langsam auf die Widerlager absinkt. Dazu werden die schwimmenden Pontons geflutet.

Hingucker im Ostend

Die neue Osthafenbrücke wird in unmittelbarer Nachbarschaft zum Neubau der Europäischen Zentralbank am Osthafen den Fluss überspannen: Eine besonders filigran gestaltete Bogenkonstruktion, die zur Skyline passt, so ihr Architekt Ferdinand Heide. „Eine speziell abgestimmte Illumination wird bei Dunkelheit die filigrane Optik des Brückenbauwerks und seine Besonderheit, die Vielzahl von dünnen Hängeseilen, unterstreichen.“ Für Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann ein Hingucker wie in Lyon und anderen bedeutenden Großstädten: „Der Frankfurter Osten entwickelt sich prächtig. Er öffnet sich wieder zum Main hin, und die Stadtplanung sorgt für die richtige Mischung aus Arbeiten, Wohnen und Wohlfühlen.“

Hundert Jahre alte Idee

Der Frankfurter Osthafen wird in diesem Sommer einhundert Jahre alt, und seit dieser Zeit liegt die Brückenidee in den städtischen Schubladen: „Schon in den ersten Ausbauplänen des Osthafens Anfang des 20. Jahrhunderts war eine Brücke über den Main geplant, die aber nie errichtet wurde“, so Planungsdezernent Olaf Cunitz. In einer Denkschrift zum neuen Handels- und Industriehafen haben sich Stadtpolitiker schon 1907 Gedanken über die Verkehrsanbindung des Hafens gemacht; „bemerkenswerterweise behalten einige Aussagen auch in Bezug auf die heutigen Planungen noch ihre Gültigkeit und sind auf den aktuellen Entwurf der neuen Mainbrücke übertragbar“, konnte sich das Stadtplanungsamt freuen. „Osthafenbrücke“ soll die neue Querung daher heißen, allerdings hat selbstverständlich die Stadtverordnetenversammlung hierbei das letzte Wort.

„Missing Link“ im Osten

Und in der Tat ist die Brücke der „missing link“ im Frankfurter Osten, der seit einem Jahrzehnt gehörig umgestaltet wird. Die beiden leicht ineinander verdrehten Türme der Europäischen Zentralbank schrauben sich hier in den Himmel, was unmittelbaren Einfluss auf die Nachbarschaft hat, die zu einem urbanen Bildungsstandort für Banker, Bürger und Beethoven-Jünger geworden ist: Die Bankakademie und das Frankfurter Konservatorium haben sich hier niedergelassen, die Volkshochschule zieht wissbegierige Frankfurterinnen und Frankfurter in die frisch sanierte Sonnemannstraße. Der Weg dorthin wird jetzt einfacher, die ebenfalls attraktiver gestaltete Hauptverkehrsachse Hanauer Landstraße wird entlastet. Auch großräumig steht der Frankfurter Osten dem überregionalen Verkehr ein wenig im Weg: Die hessische Ost-West-Verbindung A 66 von Fulda nach Wiesbaden endet heute noch abrupt an einer roten Ampel am Riederwald – ein Tunnel wird die Lücke zur A661 schließen, der Verkehr muss sich dann nicht mehr durch die überlastete Borsigallee quälen.

Der GrünGürtel schließt sich

Die Brücke führt auch zwei Teile des Frankfurter Grüngürtels zusammen, die derzeit noch getrennt waren: Unmittelbar an der neuen EZB ist in den vergangenen Monaten der neue „Hafenpark“ entstanden – ein Erholungsraum mitten im Ostend, dessen Uferpromenade den großen Ostpark mit der City verbindet. „Der Hafenpark krönt die Entwicklung von 25 Jahren – Frankfurts Rückbesinnung auf den Fluss“, sagt Frankfurts Umweltdezernentin Rosemarie Heilig. „Wir können nun nicht nur die Mainuferpromenade nach Osten verlängern, sondern auch die letzte Lücke im GrünGürtel schließen – Mainufer und GrünGürtel wachsen zusammen. Das ist ein echter Durchbruch in der Stadtentwicklung.“ Das Ostend, das ursprünglich von Industrie und Gewerbe geprägt war, wird neu strukturiert – nicht alleine durch, sondern zusammen mit der neuen Brücke. Vom 20. bis 22. August wird sie „eingeschwommen“.

Harald Ille

Mehr zur neuen Mainbrücke unter http://www.neue-mainbruecke-frankfurt.de

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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  1. Neue Bilder am Bauzaun des EZB-Neubaus | - [...] wenn viele zur Zeit auf die Seite schauen, wo die neue Osthafenbrücke eingeschwommen wird- auf der anderen Seite gibt…

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