Die heiße Luft der "Gesamtstrategie"

Alles ist Strategie. Ob ich etwas sage oder lieber den Mund halte: eine strategische Entscheidung des Augenblicks. Ob ich mein Essen nach Rezept koche oder einfach in den Topf werfe, was mir gerade schmackhaft erscheint – Strategie. Ob ich als Fußballer einen genialen Pass schlage oder mit der Picke auf die Kugel draufbolze: irgendeine Strategie wird sich finden lassen, die mein fußballtechnisches Spezialverhalten erklärt. Ob ich minutiös plane oder mich blindlings den Fluss des Lebens entlang treiben lasse: Meine Entscheidungen folgen bestimmt irgendeiner Strategie.

PR-Leute mögen den Begriff. Auch bei ihnen ist alles „Strategie“ – allerdings meist eingebettet in einen großen „Masterplan“, der wiederum ein Mosaiksteinchen einer allumfassenden „Gesamtstrategie“ ist. Komischerweise denken PR-Leute aber nicht, dass alles Strategie sei. Für sie ist nur das Strategie, was mal in einen Masterplan reingeschrieben wurde. Einfach so mal was zu machen, beispielsweise einfach mal anfangen zu twittern, ist für PR-Leute natürlich alles andere als Strategie. Es ist für sie Dilettantismus, der nur scheitern kann. PR-Berater Mirko Lange hat sogar geschrieben:

Egal, welche Twitter-Strategie: wenn Twitter nicht in ein Gesamtkonzept eingebunden ist, dann macht Twitter kaum Sinn.

Ich finde: Was immer man macht, es folgt einem Plan. Ob man ihn kennt oder nicht, spielt dabei keine wichtige Rolle. Auch, ob es ein guter Plan oder ein blödsinniger oder ein schlicht irrelevanter ist, ist ohne Belang. Wichtig ist, dass alles, was man tut, immer Ausfluss einer verborgenen, dem Leben innewohnenden Strategie ist. Was das Leben an sich natürlich hübsch vereinfacht: Ich muss mir keine Strategien mühsam ausgrübeln, wenn sie mich ohnehin umgeben wie die Luft zum Atmen.

Aber dann wären PR-Leute ja arbeitslos. Und das will ja niemand.

Also basteln sie weiter aufgeregt an „Gesamtstrategien“. Und merken gar nicht, welcher inhaltsleeren Worthülse sie hinterher hecheln. Wenn ich eine Strategie habe, dann – davon bin fest überzeugt – kann ich nur eine einzige haben. Zwei Strategien gleichzeitig zu verfolgen geht logisch nicht. Ich kann entweder vorne ein Tor schießen oder hinten ein Tor verhindern – aber gleichzeitig offensiv und defensiv zu sein geht nicht. Ich kann in meine Strategie viele, möglichst alle, Aspekte und Möglichkeiten einbinden – je umfassender meine Strategie angelegt ist, desto klüger und wirkungsvoller ist sie. Aber ich kann nur eine haben. Mehr als eine Strategie würde bedeuten, dass sie sich widersprechen. Und zwar grundlegend – denn widersprechen sie sich nicht und ziehen sie alle doch wieder in die selbe Richtung, sind sie keine einzelnen Strategien: Sie sind dann unterstützender und sinnvoll zuträglicher Teil einer einzigen Strategie.

Das aber reicht dem PR-Mann natürlich nicht. Er hätte gerne viele bunte Strategien. Ein Dutzend mindestens. Und erst dieses dreckige, sich notwendigerweise widersprechende Dutzend kann er dann schön und für viel Geld zu einer „Gesamtstrategie“ verweben. Dieses Wortgeklingel der „Gesamtstrategie“ löst einen warmen Geldregen aus, ist aber nichts anderes als – heiße PR-Luft…

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

Share This Post On