6000 Mal hat es schon geklingelt

Seit zwei Jahren gibt es das „Kinder- und Jugendschutztelefon“

Frankfurt am Main (pia) Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden: Teenager fühlen sich von Erwachsenen unverstanden, Eltern verstehen ihr eigenes Kind nicht mehr. Gut, wenn es man sich dann an eine Anlaufstelle wenden kann, eine Ratgeber-Hotline, eine Telefonberatung. Die gibt es in Frankfurt seit zwei Jahren: eine kostenlose Telefonnummer für beide, Eltern und Kinder. Apollonia Schmidt leitet das hessenweit einzigartige Projekt, das das Frankfurter Jugend- und Sozialamt völlig neu eingerichtet hat. Besonders, wenn es zwischen Erwachsenen und Kindern zu echten Problemen, zu Handgreiflichkeiten, Misshandlungen oder sexuellem Missbrauch kommt, ist das „Frankfurter Kinder- und Jugendschutztelefon“ neben der Polizei die erste Adresse – und eine der schnellsten und wirkungsvollsten dazu.

Eltern sind die größte Gruppe

Rund sechstausend Mal hat das „Frankfurter Kinder- und Jugendschutztelefon“ bereits geklingelt – und anders als man annehmen könnte, sind die meisten Anrufer dem Kindesalter längst entwachsen. „Wir erfassen jeden Anruf seit dem Start“, so Apollonia Schmidt: „Die Eltern sind die größte Gruppe.“ Jugendliche ab zwölf Jahren, für die die 0800/2010111 hauptsächlich eingerichtet wurde, folgen erst auf Platz zwei. Nachbarn, Verwandte, Lehrer und Kinderärzte wählen ebenfalls häufig die kostenlose Nummer – sie bilden die drittgrößte Anrufergruppe. „Kinder brauchen besondere Zuwendung und Förderung – darüber sind sich alle einig“, sagt Frankfurts Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld, die das Telefon vor zwei Jahren eingerichtet hat. „Doch auch Eltern brauchen Unterstützung.“ Diese nutzen das Telefon, weil sie sich einen erzieherischen Rat holen möchten oder weil sie ein wenig pädagogische Unterstützung brauchen. Etwa dann, wenn das pubertierende Kind plötzlich anfängt, die Schule zu schwänzen, nur noch vor dem Computer sitzt und sich nicht mehr an die Regeln hält, die in der Familie gelten. Die Fachleute des Jugendamts geben aber auch auf juristische Fragen Antwort, etwa, wenn eine Mutter ihrem Ex-Mann die gemeinsamen Kinder am Wochenende vorenthält.

Handeln im hoheitlichen Auftrag

Kinderärzte etwa sind oft die ersten, die Blutergüsse oder Brandmale bei misshandelten Kindern zu Gesicht bekommen, aber auch Kliniken und Hebammen nutzen den direkten Draht ins Jugendamt, das dann sofort eingreift – unmittelbar. „Das ist die Qualität unseres Telefons“, sagt Apollonia Schmidts Kollegin Anke Siebert. „Anders als ein ‚Sorgentelefon für Kinder‘ können wir auch handeln. Wir haben den hoheitlichen Auftrag, zu handeln!“ Ein zehnjähriger Junge etwa hat den Beamten am Telefon deutlich gemacht, dass er zu Hause schlecht behandelt wird – das Jugendamt hat die Situation daraufhin überprüft und den Jungen bei einer anderen Familie untergebracht. Eine Vierzehnjährige hat am Telefon darum gebeten, in Obhut genommen zu werden; zwei Mitarbeiter des Jugendamts haben sie sofort zu Hause abgeholt und in einem Wohnheim untergebracht – dazu ist das Jugendamt gesetzlich verpflichtet. Es stellt kurzfristig den Schutz der Kinder sicher, wenn diese „zu Hause rausgeflogen sind“ oder – was gerade in Frankfurt ein Problem darstellt – am Flughafen als sogenannte „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ landen (allein 150 solcher Fälle im Jahr 2008!).

Über hundert Fälle bislang

Hinweise auf mehr als einhundert Fälle echter Kindeswohlgefährdung hat das Jugendamt bisher über das Telefon erhalten, in 260 weiteren Fällen waren die Jugendamtsmitarbeiter „alarmiert“, weil dem Amt die fraglichen Familien bereits zuvor negativ aufgefallen waren. „Die Sensibilität in der Öffentlichkeit für Gefährdungen von Kindern ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen“, bilanziert Apollonia Schmidt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kinder- und Jugendschutztelefons sind erfahren genug, um schlimme Fälle schnell zu identifizieren. Nicht alle Telefongespräche sind unmittelbar mit einer Vernachlässigung oder Misshandlung in Verbindung zu bringen. Rund ein Drittel der sechstausend Telefonate bisher waren eher Scherz- oder Testanrufe, die Anke Siebert aber eines beweisen: „Die Kinder kennen unsere Nummer und wissen oft ganz genau, wo sie anrufen.“ Manchmal verbirgt sich eben doch ein schlimmes Schicksal hinter einem zuerst harmlos erscheinenden Anruf.

Drei Säulen städtischer Hilfe

Die – zu vielen – Meldungen über Kindesmisshandlungen, Vernachlässigung und Tötung von Kleinkindern haben die Stadt Frankfurt im November 2008 bewogen, ein Programm aufzulegen, in dem das Kinder- und Jugendschutztelefon eine von drei Säulen ist und das sich „Frühe Hilfen – Prävention von Kindesvernachlässigung“ nennt. Die zweite Säule ist beim Amt für Gesundheit angesiedelt und setzt bereits vor der Geburt des Babys an: Hebammen, Kinderkrankenschwestern und Kinderärzte begleiten dabei junge Familien bis zum ersten Lebensjahr ihrer Kinder, informieren und unterstützen die unter Umständen noch überforderten Eltern. Die dritte Säule des Frühe-Hilfen-Programms versucht, einzelne Organisationen wie Caritas, Jugendgerichtshilfe und Kinderklinik miteinander zu vernetzen. So kann noch schneller reagiert und eingegriffen werden, wenn Kinder gefährdet scheinen.

Beinahe rund um die Uhr erreichbar

Über das Frankfurter Kinder- und Jugendschutztelefon ist das Jugend- und Sozialamt 18 Stunden am Tag erreichbar – und zwar bis in den sehr späten Abend hinein. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugend- und Sozialamts legen frühestens um 23 Uhr den Telefonhörer beiseite – jeden Tag, auch am Wochenende und an Feiertagen sind sie ansprechbar; dringende Anrufe spät in der Nacht werden auf Bereitschaftshandys umgeleitet. „Diese Form der Erreichbarkeit gibt es sonst in Hessen nicht“, so Apollonia Schmidt. Denn: „Nichts ist schlimmer, als Fragen zu haben und niemanden zu erreichen.“

Harald Ille

Unter http://www.kinderschutz-frankfurt.de hat das Team des Jugend- und Sozialamts auch weiterführende Informationen und Links zu vielen anderen Beratungsstellen gesammelt.

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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