“Anders denken” in Frankfurt

2.000 Experten werden zum größten deutschsprachigen Aids-Kongress erwartet

Frankfurt am Main (pia) Das Robert-Koch-Institut erschreckte vor wenigen Tagen mit einer Zahl: Vier Prozent mehr Frauen und (vor allem) Männer haben sich im vergangenen Jahr mit dem HI-Virus angesteckt als noch 2005. Mit 2.677 Neuinfektionen in Deutschland zählte das Institut 2006 einen Höchststand – trotz aller “Mach’s mit!”-Kampagnen, trotz der mittlerweile neunzig Aufklärungsspots der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und trotz aller eindringlichen Safer-Sex-Warnungen in Schule und Gesellschaft. “Das Thema AIDS ist in den letzten Jahren viel zu sehr in den Hintergrund geraten”, beklagt die Präsidentin der hessischen Landesärztekammer, Ursula Stüwe. Und Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth, in deren Stadt sich im letzten Jahr 58 Menschen neu infiziert haben, warnt: “Die Aids-Panik der frühen Jahre ist einer gefährlichen Unbekümmertheit gewichen.”

Die beiden Ehrenpräsidentinnen des Deutsch-Österreichischen Aids-Kongresses 2007 fordern also, in der AIDS-Prävention neu nachzudenken. In Frankfurt, wo die Immunschwächekrankheit vor 25 Jahren erstmals in Deutschland diagnostiziert wurde, kommen Ende Juni zweitausend Forscher und Mediziner, Psychologen und Pflegekräfte im Congress Center der Messe zusammen, um genau dieses zu tun: “anders denken” heißt dieser bedeutendste und größte AIDS-Kongress im deutschsprachigen Raum, der nicht nur neue Präventionsstrategien entwickeln will. Neue Impfstoffe, neue Behandlungsmethoden, neue Therapieansätze stehen vom 27. bis 30. Juni ebenso auf dem Programm. “Es geht darum, die weitere Ausbreitung der Infektion in der Bevölkerung zu begrenzen”, nennt der Frankfurter Aids-Forscher Prof. Schlomo Staszewski die wohl dringlichste Aufgabe seines Fachgebietes – neben der Reduzierung der Sterblichkeit bereits erkrankter HIV-Träger und der Verbesserung ihrer Lebensqualität.

Multidisziplinäres Vorgehen ist dazu gefragt, und so bindet der Aids-Kongress weiteres Expertenwissen ein und geht mit ungewöhnlichen Aktionen auch auf die Bevölkerung zu – die spektakulärste ist sicherlich der Weltrekordversuch am Freitag, 29. Juni. Auf Frankfurts Hauptwache wollen rund 3.000 Frankfurterinnen und Frankfurter die größte menschliche AIDS-Schleife des Globus nachbilden. Ein Eintrag ins Guinness-Buch winkt, jeder kann teilnehmen. Am Samstag, 30. Juni, warten Jugendliche dann auf ihren persönlichen “Anpfiff gegen Aids” – für jedes Tor, das beim Straßenfußballturnier vor dem Haupteingang des Congress Centers fällt, erhält das südafrikanische Aids-Projekts “Hope” zehn Euro. Gerade bei Jugendlichen sinkt die Angst vor der Ansteckungsgefahr. Da sie von den klassischen Aufklärungskampagnen nicht mehr ausreichend erreicht werden, gestalteten Schülerinnen und Schüler ab den achten Klassen ihre eigenen Clips und Plakate. Die besten zehn werden am Congress Center ausgestellt, die drei besten werden im Frankfurter Cocoon-Club mit je 1.500 Euro prämiert.

Das umfassendste Programm bietet – jenseits des Fachkongresses – zweifelsohne die Kulturreihe “Aids in der Stadt”. Mit Filmen, Musik, Kunst und Literatur bringt der Aids-Kongress seine Themen unter die Frankfurter. So zeigt das Kino “Orfeos Erben” den mehrfach ausgezeichneten deutschen Film “Fickende Fische” und das Deutsche Filmmuseum das Dokudrama “Und das Leben geht weiter” mit Stars wie Richard Gere, Phil Collins und Steve Martin sowie andere Dokumentationen. Exklusiv für das Kulturprogramm hat “Lindenstraßen”-Produzent Hans W. Geißendörfer zudem die Erkrankung Benno Zimmermanns in einem eigenen Film ausgekoppelt. Der Frankfurter Radio-DJ Klaus Walter gestaltet mit “Maladie d’Amour” einen multimedialen Abend in der Naxoshalle, und in der Paulskirche dokumentieren acht Fotografen den Kampf gegen die Pandemie in Afrika.

Beim “Aids Public Viewing” geben “Aids-Patienten der Krankheit ein Gesicht”: Rund 1.000 HIV-Infizierte haben Fragebögen ausgefüllt, die in der Kongresswoche in der Frankfurter Kernstadt plakatiert werden und die die individuelle Infektions- und Krankheitsgeschichte der Patienten erzählen. Sechs Vorträge zu Armut und Abschiebung von Aids-Patienten, “HIV positiv im Knast” oder “Krank in der Illegalität” sensibilisieren auch für tabuisierte Themen.

Afrika und die Finanzierung der Aids-Bekämpfung waren jüngst Thema des G8-Gipfels; die sogenannte “Satellitenkonferenz Aids & Economy” verlängert dieses Wirtschaftstreffen thematisch und verlagert es nach Frankfurt. Am 27. Juni diskutieren Wirtschaftsexperten im Congress Center der Messe darüber, wie die Krankheit die Wirtschaft verändert und wie die Wirtschaft darauf reagiert. “Aids ist mittlerweile nicht mehr nur ein bedrohender, sondern auch ein chancengebender Wirtschaftsfaktor”, meinen die Kongressmacher ganz im Sinne des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus. Sprecher der Weltbank, des Global Funds und der KfW analysieren den wichtigen Zusammenhang zwischen AIDS und globalen wie lokalen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen. So öffnet sich der eigentlich medizinisch dominierte Kongress auch ökonomischen Fragestellungen, die letztlich die entscheidenden Fragen jeder Gesundheitspolitik sind.

Der Fachkongress selbst wird sich ebenfalls den gesellschaftlichen Aspekten von HIV und Aids widmen, zudem den klinischen Fragen der Infektion sowie sogenannter Ko-Infektionen und den neuesten Entwicklungen in der Therapie, Virologie und Immunologie. Traditionell findet am letzten Tag des DÖAK auch das Deutsch-Österreichische Pflegesymposium statt. Und als Besonderheit werden Teile des öffentlichen Kulturprogramms auch in der Kongress-Partnerstadt Wien gezeigt. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt wird den Kongress am 27. Juni mit ihrer Rede in der Paulskirche eröffnen.

Harald Ille

Dieser Artikel ist erschienen am 12. Juni 2007 als “Wochendienst” des Frankfurter Presse- und Informationsamts.

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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