Auch Hol(t)z brinckts noch…

„Holzmedien“ schimpfen die ach so fortschrittlichen Blogger alle traditionsreichen Zeitungen, Zeitschriften und Magazine. Die Zukunft finde online statt. Ja, ich gebe zu, auch ich kann dieser Prognose viel Sympathie abgewinnen, auch wenn ich den Holzmedien aus alter Nostalgie heraus sehr verbunden bin.

Der Trend weg von allem auf Papier Gedruckten ist allerdings schwer mit Zahlen zu belegen. Vielleicht, weil er wohl nicht stimmt. Zumindest nicht für Österreich, wenn denn die Einschätzung richtig ist, die pressetexte.de heute gibt: „Die gute wirtschaftliche Lage habe die Nachfrage nach Papierverpackungen sowie Zeitungen und Zeitschriften angekurbelt.“

Die Originalmeldung liest sich tatsächlich so:

Neuer Rekord der Altpapiersammlung
Plus 8,2 Prozent im ersten Halbjahr 2007 – Ursachen: Konjunkturhoch fördert die Nachfrage nach Papierverpackungen sowie Zeitungen und Zeitschriften; Österreicher sind vorbildliche Altpapiersammler. (Quelle: www.aro.at)

87 Prozent allen Altpapiers  – das müssten im ersten Halbjahr dieses Jahres insgesamt 245.340 Tonnen gewesen sein in der ganzen Alpenrepublik, wenn ich richtig gerechnet habe – stamme von weggeworfenen Zeitungen, Zeitschriften und sonstigen Drucksorten. Das ist viel Holz, in der Tat! Und natürlich Wasser auf die Papiermühlen der Online-Verfechter: Das Holzmedium taugt nur zum Wegwerfen…

Das Bild ist nicht ganz klar. So schrieb die FAZ schon 2005 zwar: „Mit dem Vordringen der elektronischen Kommunikation sagten viele dem Papier einen Rückgang in der Bedeutung voraus. Das Gegenteil ist der Fall: Der jährliche Papierverbrauch steigt.“ Sie räumt aber für die USA ein: „Der Verbrauch von Zeitungspapier in den Vereinigten Staaten sinkt seit zwei Jahren, wohl nicht nur konjunkturell bedingt.“ Und die IVW, die die Auflagenstärken für Deutschland berechnet, stellt bei Tageszeitungen und Fachzeitschriften klar sinkende Verkaufs- und Abozahlen fest, bei anderen Medien wie Kunden- und Wochenzeitschriften bleibt der Output aber eher stabil.

Die Altpapiermenge der letzten fünf Jahre für Frankfurt habe ich eben vom Pressesprecher der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) erfahren. Sie sieht folgendermaßen aus:

Altpapiermenge in Frankfurt, Daten von der FES, Grafik: Ille

Hier sieht man: Nach einem Einbruch 2003 – der sicher auch konjunkturell bedingt war – ging’s wieder stetig bergauf. 2006 fehlten nur wenige 320 Tonnen, um wieder das Ergebnis von 2002 zu erreichen. Zahlen für 2007 gibt  es noch keine, aber wenn die Konjunktur Schuld am Altpapieraufkommen ist, dann müsste der Altpapierberg ja auch in diesem Jahr neue Höhen erreichen. (Anmerkung: Da die Frankfurter „Altpapiermaschine“ Kartonagen und Zeitschriften gleich gut und unterschiedslos verarbeitet, können die Zahlen nicht in Verpackungsmaterial und „Zeitungspapier“ aufgeschlüsselt werden. Aber die Größenordnung von 13 bis 15 Prozent Verpackung, wie sie in Österreich ermittelt wurde, stimmt wohl auch für Frankfurt.)

Wir behalten die Entwicklung der „Holzmedien“ und der Abfallmenge, die sie produzieren, aber weiter im Auge.

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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