Der Abstoßungsphilosoph aus der Sophienstraße

Die 30 Jahre alte „Titanic“ hat einen der jüngsten Chefredakteure des Landes

Frankfurt am Main (pia) „Wir sind ein gespaltenes Land, nicht wahr?“, sagt Leonhard „Leo“ Fischer maliziös. Mit dieser Zustimmung heischenden Provokation klingt der junge Chefredakteur des Satiremagazins nicht wie ein vorsichtig abwägender Mann des gedruckten Wortes. Er spricht wie ein Politiker, und tatsächlich ist er auch einer. „Die Einheit war ein Fehler“, analysiert der Nebenberufsfunktionär der „Partei“ mit unbeirrt fester Stimme, „wir werden noch lange an diesen ungesunden neuen Ländern laborieren.“ Leo Fischer, der Oberpfälzer aus dem beschaulichen Regensburg, der seine prägenden frühkindlichen Jahre im mondänen, aber schrecklich abgelegenen schweizerischen Bergdorf Davos verbracht hat, hat den unbestechlichen Blick des Insiders auf die deutsch-deutsche Situation. Viereinhalb Jahre hat er selbst mitten im deutschen Osten gelebt, dort studiert sogar. In einer zerfaserten Ortschaft nahe der polnischen Grenze, wie er sagt. In Berlin.

Das Prinzip der Abstoßung

Nach dieser Hauptstadt hat er keine Sehnsucht, auch wenn er seine „Partei“ gerne im dortigen Bundestag gesehen hätte – der Bundeswahlleiter wusste dies zu verhindern. Fischer bleibt also vorerst am Main und prophezeit trotzig: „Der Weg Berlins zur Großstadt ist noch weit!“ Für Satiriker ist der Regierungssitz ohnehin unergiebig. „Wo jeder ein Künstler, Träumer oder Phantast ist, hat man nicht so viel Reibungsfläche. Wovon soll man sich abstoßen?“ Abstoßung, dieses wichtige titanische Kriterium, empfindet er ungleich deutlicher hier in Frankfurt, wo Humor auf fruchtbarem Humus gedeihen kann: „Satire ist etwas Urbanes, etwas Großstädtisches.“ In der „inspirierenden Weltstadt mit einer gewachsenen bürgerlichen Struktur“ und ihren idyllischen ländlichen Stadtteilen fühlt sich der Regensburger sichtlich wohl. Frankfurter und Oberpfälzer seien sich bekanntlich nicht unähnlich: „Leicht verletzt, schnell gekränkt. Und einen Unwillen zur Gastlichkeit kann ich feststellen.“ Seine „Titanic“ ist ein Frankfurter Gewächs, das in einer anderen Stadt sicher nur schlecht funktionieren würde. „Hier hat man die Türme der Deutschen Bank, hier weiß man genau, wo oben und unten ist.“ Abstoßend also und wunderschön.

Die Abonnentenzahlen steigen wegen des Onlineportals

Der blutjunge Chefredakteur ist überaus erfolgreich mit einer einfühlsamen redaktionellen Strategie, in der ausgewählte Abonnenten eine zentrale Rolle spielen: „Wir machen das Heft für uns. Die Leser interessieren uns überhaupt nicht. Wir geben einen Teil unserer monatlichen Produktion preis – das ist unser Angebot an Deutschland.“ Die so Umschmeichelten goutieren diese Haltung: 100.000 Hefte macht Fischer jeden Monat, die Abonnentenzahlen liegen deutlich über denen der Gründungsjahre. Und das, obwohl Titanic längst nicht mehr an jedem Kiosk erhältlich ist. Viele jüngere Leser entdecken das Heft und seinen sehr speziellen Humor ohnehin nicht im Zeitschriftenladen, sondern beim Surfen in der Online-Variante. „Ich höre dann oft: ‚Das gibt es immer noch!?'“ Fischer hat selbst als Autor für das Online-Portal angefangen und das Heft inzwischen vollständig elektronisiert: Die Redaktion twittert Pfiffiges, füllt Facebook mit Nonsens und sendet auf einem YouTube-Kanal die erdigen Geschichten des Wildbach-Toni. „Der Anspruch ist, dass man sich jedes Medium untertan macht – wie es kommt.“

Satire als dialektische Negation der PR

Fischer ist studierter Philosoph mit einer exakten Vorstellung davon, was Humor ist. „Man kann Satire als Anti-PR verstehen. Die dialektische Negation von PR, wenn man so will“, zitiert der Chefsatiriker aus der Sophienstraße gleichsam die Granden der Frankfurter Schule. Seine Karriere beim führenden deutschsprachigen Satiremagazin liest sich glanzvoll: Als unbeschwerter Autor hat er angefangen und unbeschwerte Texte in die Sophienstraße geschickt: „Die werden genommen oder nicht genommen – ein Alles-oder-Nichts-System“. Ein Praktikum in der überschaubaren Erdgeschosswohnungsredaktion in Bockenheim schloss sich an, dann ein Volontariat. Visitenkarten hat der Verlag ihm damals verweigert, weil der Azubi ja ohnehin baldmöglichst zum Chef ernannt werden sollte. Seit einem Jahr ist er dies nun – auf die Business Cards wartet er immer noch. Ob er je welche bekommen wird, ist fraglich, denn der Chefsessel mit Blick auf die Nordmauer des Bockenheimer Uni-Campus ist ein Schleudersitz. „Nach fünf Jahren ist der Mann verbraucht, gleich wer’s ist.“ Bedeutend länger als zweimal dreißig Monate hat in der Tat noch kein Kapitän die „Titanic“ steuern können – wenn Fischer von Bord gehen wird, wird es einem Untergang gleichkommen. „Alles, was danach kommen wird, wird schlechter sein.“ Was den 28 Jahre alten Berufssatiriker allerdings nicht weiter schmerzt: „Das ist wunderbar: Wenigstens fünf Jahre anständig gelebt.“

Harald Ille

Dreißig Jahre ist die „Titanic“ jetzt alt. Am „Tag der Deutschen Einheit“ wird Geburtstag gefeiert in einem Museum, das in Frankfurt extra für Satire umgebaut wurde. „Das Erstbeste aus 30 Jahren“ heißt die Ausstellung, die auf diese lange Zeit zurückblickt. „Höchstrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Sport und Unterhaltung (u.a. Bürgermeister, Dezernenten, Funktionäre, Wirtschaftsbosse und evtl. 1 Geistlicher)“ werden kommen. Der wohl jüngste Leiter eines bundesweit relevanten Polit-Magazins Dr. Leonhard Fischer wird sie eröffnen.

Der Artikel ist am 1. Oktober 2009 als „Feature“ des Presse- und Informationsamtes erschienen.

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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