Der böse Vergleich

Heute hat er sich wieder in die Öffentlichkeit geschlichen. Der böse Vergleich. Heute geht es nicht um Nazi-Vergleiche, heute geht es um einen Ulbricht-Vergleich. Die SPD hat ein Plakat gestalten lassen, auf dem Angela Merkel sagt, niemand habe die Absicht… Natürlich: Empörung! Angela Merkel werde mit Walter Ulbricht verglichen! Skandal! Ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die unter der DDR-Diktatur gelitten haben. Eine Ungeheuerlichkeit, der Vergleich!

So weit, so nachvollziehbar. Oder?

Natürlich kann man Angela Merkel mit Walter Ulbricht vergleichen. Es wird bei einem solchen Vergleich herauskommen, dass beide überhaupt nichts miteinander gemein haben. Man kann, ja man muss, Äpfel mit Birnen vergleichen. Was soll man denn sonst vergleichen? Ein Vergleich sucht nach den Unterschieden. Ein Vergleich ist keine Gleichsetzung! Man kann mich gerne mit Hannibal Lecter vergleichen. Oder mit dem Dalai Lama und Albert Einstein. Ich hoffe im ersten Fall und befürchte im zweiten und dritten, dass es sehr wenige Übereinstimmungen zwischen mir und den drei anderen Personen gibt.

Ein Vergleich ist keine Gleichsetzung, wie gesagt. Aber oft ein Hilferuf, eine „Wehret den Anfängen!“-Parole. Das muss dringend erlaubt sein – und darf nicht durch die angebliche Unmöglichkeit des Vergleiches von vornherein ausgeschlossen werden. Sonst macht sich eine Warnung unmöglich.

Darf man etwa die „Linke“ mit der SED vergleichen? Oder die NPD mit der NSDAP? Nein, weil weder die Linke noch die NPD (hoffentlich) die gleichen Machtmittel haben, wie die SED oder die NSDAP sie hatten und weil sie (hoffentlich) nicht ebenfalls auf politische Morde setzen? Relativiert ein solcher Vergleich etwa die Nazi-Gräuel oder das DDR-Unrecht? Oder darf man rufen: „Wehret den Anfängen!“, und darf man die Übereinstimmungen herausarbeiten, ohne die Unterschiede zu verschweigen? Wie gesagt, ich setze nichts gleich, und ich relativiere durch die Vergleiche auch nichts. Ich vergleiche nur und sehe hin und wieder eine Gefahr.

Und darf man überhaupt problematische, historisch belastete Sätze zitieren, wie es die SPD auf ihrem Plakat tut – und damit eine semantische Verbindung zwischen Merkel und Ulbricht herstellen? Ja, auch hier ist ein Vergleich keine Gleichsetzung, sondern eher eine Warnung. „Wehret den Anfängen“, auch wenn sie etwas krude sind, denn der Mauerbau hat mit der Griechenland-Rettung nun wirklich gar nichts gemein. Aber die Aussage des Satzes, dass am Anfang einer Politik manchmal eine Lüge steht – das muss man sagen dürfen.

Man nimmt so oft historisch belastete Begriffe oder Redewendungen in den Mund, oft in völlig harmlosen Situationen und meist, ohne deswegen eine Reaktion beim Gegenüber zu erzeugen. Auf hr-info sprach ein wenig kreativer Reporter heute von „verhärteten Fronten in der Koalition“. Relativiert dieser Satz die Gräuel der echten, wirklichen, unerbittlich tödlichen Front? Sicher nicht. Er ist nur dämlich. Internet-Geeks sprechen gerade vom „Browser-Krieg“. Wird dabei irgendjemand erschossen? Relativiert ein solcher Begriff den echten Krieg? Natürlich nicht. Er ist nur ein Vergleich, eine Überspitzung. Und eben keine Gleichsetzung, das wäre ja vollkommen absurd.

Ein wenig Abkühlung täte also in der erhitzten politischen Debatte wirklich Not. (Und das relativiert Not nicht, sondern vergleicht nur… Ach, kommt, Schluss jetzt: Ein schönes, entspanntes Wochenende!)

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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