Die Hauptstadt der Satire

Auf diesem Humus gedeiht der Witz

Warum ausgerechnet in einer urgemütlichen Stadt wie Frankfurt der Humus der schrägen Bilder und sinnfreien Wortspielereien so unnachahmlich blüht und gedeiht – dafür macht der Historiker Jan Gerchow einerseits die weltmännisch-aufgeklärte Bürgerschaft verantwortlich und andererseits die Tatsache, dass Frankfurt halt so weitab vom Schuss liegt: Vor allem nach 1945 habe sich die Lage der Stadt fernab der Landes- und Bundesregierungen satirisch ausgezahlt, so der Direktor des Historischen Museums. „Frankfurt wird zum ‚Horchposten und Beobachtungspunkt’, hier wird kommentiert, gemeckert und Stellung bezogen“ – in Zeitungen und wissenschaftlichen Symposien „Karikaturen sind stilbildend für Frankfurt“, so Gerchow. Dieser Stil der überspitzen Feder hat natürlich nicht erst mit Kriegsende begonnen, sondern schon hundert Jahre früher: Mit der Revolution von 1848 wurden Politsatiren in Deutschland bedeutend und Frankfurt als Medien- und Verlagsort und Stadt der Paulskirche konnte in den folgenden Jahrzehnten die führende Rolle dabei übernehmen. Und wenn sich dann noch der kritische Geist hier breit macht, der sich in Adornos “Frankfurter Schule” konzentrierte, folgt natürlich die Satire auf den Fuß. Und gründet gleich ein liederliches Blättchen, für das sich die Herausgeber nur entschuldigen konnten: „Es war ein Glück, dass sich die ‘Neue Frankfurter Schule’ bei der Zeitschrift ‘Pardon’ gefunden hat”, sagt Achim Frenz. “Dort hat sich ein besonderer Geist entwickelt, sie haben Nonsens ausprobiert.” Pardon?

Nicht untergehender Humor

Lange haben’s die Protagonisten von Pardon nicht in der Redaktion ausgehalten und flugs ein eigenes Magazin gegründet: die „Titanic“, die – haha – auch im einunddreißigsten Jahr nicht unterzugehen vermag. Titanic hat eine Art von Humor salonfähig gemacht, die nun wirklich nicht jedermanns Sache ist. Hin und wieder mussten und müssen dabei gar die Gerichte eingreifen – aber letztlich gewinnt doch meist die Freiheit der Kunst über das angeknackste Recht der eigenen Persönlichkeit. Diese häufigen Grenzübertritte kosten allerdings viel Kraft, weswegen die Zeitschrift alle fünf Jahre in einer Art Drehtür-Recruiting seine Chefredakteure austauscht. Gut, Satire macht eben auch vor ihren eigenen Schöpfern nicht halt…

Gestrenge Hausherren im Leinwandhaus

Aber zurück zur „Neuen Frankfurter Schule“, zurück zu Robert Gernhardt und F.W. Bernstein, Chlodwig Poth und Hans Traxler, F.K. Wächter und Eckhard Henscheid, Peter Knorr und Bernd Eilert. Also zu einer ganz schön großen Gruppe, die schon für sich genommen die Satirikerdichte in Frankfurt in ungeahnte Höhen schraubt (autsch, immer diese schrägen Bilder…). Jedenfalls sind diese Herren die eigentlichen Gründer der Satirehauptstadt und die gestrengen Hausherren im Leinwandhaus. Denn: Die Wechselausstellungen mit Grafiken, Karikaturen und komischem Gekritzel kommen und gehen, die Dauerausstellung über die „Elche“ aber bleibt. Da können weder Greser noch Lenz noch Franziska Becker gegen anwitzeln. (Wobei Greser & Lenz ja ohnehin nur Exil-Bajuwaren sind. Die publizieren zwar in der FAZ, kommen aber aus Aschaffenburg. Das liegt sogar noch weiter ab vom Schuss als die Satirehauptstadt selbst – wohl ein Qualitätsmerkmal.)

Jedenfalls: Frankfurt ist die Hauptstadt der Satire. Weil: „Der Reim muss bleim.“ Punktum.

Dieser Artikel ist am 28. September 2010 auf „Frankfurt.Info“ erschienen: http://www.frankfurt.de/info.

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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