Die Mini-Metropole wird größer

Frankfurts Wirtschaft boomt – und zieht neue Einwohner in die Stadt

Frankfurt am Main (pia) Claudia Guthörl ist Personalreferentin in Frankfurt. Sie stellt neue Mitarbeiter ein – und kommt abends immer später von der Arbeit. Glücklicherweise hat sie es nicht weit nach Hause: Sie wohnt mitten in der Stadt. In der Mainmetropole werden immer mehr Fachkräfte gebraucht – und wie die 33-Jährige suchen sie sich hier auch eine Wohnung.

„Die Leute ziehen wieder in die Stadt zurück“, bestätigt auch Wolfhard Dobroschke vom städtischen Statistikamt – ein positiver demographischer Effekt des Wirtschaftsbooms. Über 20.000 Wohnungen sind innerhalb des letzten Jahrzehnts entstanden, 2.500 Baugenehmigungen wurden alleine im letzten Jahr erteilt. So will ein Software-Milliardär Privatwohnungen in den Henninger-Turm, ein ehemaliges Brauereisilo, einbauen. Auch ganz individuelle „vier Wände“ für die junge Familie sind unter den Neubauten. Rund um den alten Stadtturm „Friedberger Warte“ wird ein ganzes Stadtquartier aus dem Boden gestampft: Hier standen noch vor wenigen Jahren die Zweckbauten des amerikanischen Militärs. Auf dem ehemaligen „Motorpool“ sind in nur wenigen Wochen fünf Dutzend Einfamilienhäuschen aus dem sanierten Boden gewachsen – die beschauliche Variante. Direkt daneben, auf dem Gelände der ehemaligen Betts- und Atterberry-Kasernen am Nordrand der Innenstadt, lässt sich die Zahl der neuen Eigenheime aber kaum mehr überblicken – 700 Familien werden in Kürze hier leben, mit neuem Straßenbahnanschluss, Kinderbetreuung und in Wald- und Wiesennähe.

Der Bauboom folgt dem Wirtschaftsboom, der in Frankfurt oft früher bemerkt wird als anderswo. Vor allem die Banken und Anwaltskanzleien profitieren dann als erste: Wird insgesamt wieder mehr verdient, steigen die Aufträge in diesen beiden Branchen. Deren Personalbedarf erhöht sich und zieht junge Juristen und Banker an den Main. So wird Frankfurt größer und verjüngt sich, und das ist überall zu sehen. Die Stadt erneuert sich, jahrzehntealte Baulücken verschwinden. Etwa in Bornheim, dem angesagten Stadtteil entlang der „Berger Straße“: Hier wird zum Beispiel das Gelände des alten Straßenbahndepots völlig umgekrempelt: Das Gebäude aus der Kaiserzeit wird zur Zeit demontiert und zusammen mit 55 Wohnungen in den kommenden Monaten wieder aufgebaut. Besonders „in“ bei jungen Familien ist der neue Uni-Standort Riedberg. „Kurzfristig wurde noch ein Eckhaus frei – das haben wir uns angeschaut, und der Entschluss war gefasst“, sagt Ira Schaible, die mit ihrem Mann Gunnar und Sohn Paul in ein Einfamilienhäuschen auf dem Riedberg gezogen ist. Taunus und Skyline direkt vor den Fenstern, das Frankfurter Kreuz in wenigen Minuten erreichbar und mit Bus und Bahn „wahnsinnig schnell an der Hauptwache“ – das sind natürlich nicht die alleinigen Kriterien, die die junge Familie bewogen haben, statt ins billigere Umland direkt nach Frankfurt zu ziehen. Gerade für Kinder bietet das Riedbergviertel beste Bedingungen: nagelneue Kitas und Grundschulen, dazu kaum Verkehr, viel frische Luft und Großstadtflair.

Nicht zuletzt hat sich Frankfurt auch in punkto Sicherheit positiv gewandelt: Kriminalität, das Problemthema Nummer eins der letzten Jahrzehnte, ist keines mehr, und das spürt man im Alltag. Acht von neun Frankfurter fühlen sich sicher in der Stadt. Die Stadt ist sauberer geworden, menschlicher, und zieht daher immer mehr Leute an. „Ich wohne gerne am Main, im Sommer ist es hier richtig schön“, schwärmt Claudia Guthörl, die am Südufer des Flusses wohnt und in wenigen Jahren einen faszinierenden Blick auf die neuen Hochhäuser der EZB haben wird. „Hier hat sich viel getan. Wenn ich mich beruflich verändern wollte, würde ich mich wieder in Frankfurt bewerben“, sagt die Jung-Managerin.

Kein Wunder, dass in Frankfurt auch wieder mehr Kinder geboren werden. Seit dem Jahr 2000 ist dieser „Baby-Boom“ aktenkundig. Knapp 11.000 kleine Hessen kamen im letzten Jahr in der Stadt zur Welt, darunter auch viele aus dem Umland. Aber auch die Zahl „echter“ Frankfurter Kinder ist in den letzten zehn Jahren deutlich angestiegen- von 5.900 auf 6.750, mehr als 13 Prozent. Da zudem – ein interessanter statistischer Effekt – immer weniger Frankfurter sterben, nimmt auch ohne Fachkräfte-Zuzug von außen Frankfurts Bevölkerungszahl ganz natürlich zu. Deutschlands fünftgrößte Stadt robbt sich näher an Köln heran und vergrößert den Abstand zu Stuttgart. Von einer „schrumpfenden Stadt“, wie es sie fast überall in Deutschland gibt, kann am Main also keine Rede sein …

Harald Ille

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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