Drin oder nicht drin

Der Beinahe-Frankfurter Robert Basic hat gestern bekanntlich über die neuen deutschen Blogcharts drübergeguckt und eine durchaus vernünftige These entwickelt:  „es kann […] sein, dass die deutsche Blogosphäre nicht mehr so schnell wächst wie früher oder gar nicht mehr wächst. “ Ernüchterung also mache sich breit. Zudem kommt die Verunsicherung hinzu, für die offene Kommunikation juristisch oder zumindest finanziell belangt werden zu können – die aktuellen Entwicklungen beim auch-irgendwie-Frankfurter Stefan Niggemeier jagen mir kleinem Y-Blogger auch einen merklichen Schrecken ein.  

In meiner privaten Umgebung ist der Begriff „Blog“ ohnehin mittlerweile zum Allergen mutiert – zwar hat kaum einer ein Blog und liest kaum jemand welche, aber schon das Wort treibt einigen meiner Kolleginnen und Kollegen die hektischen Pickel auf die Stirn. Sind Blogs einfach nur Hype, irrelevantes elektronisches Spielzeug für Profilneurotiker? 

Ja. Deswegen fängt das britische Presseamt jetzt auch an, die Blogosphäre zu scannen/monitoren/tracken … Wie auch immer die richtige aufgeblasene Vokabel für „lesen“ heutzutage heißen mag. Erstaunlich.

Die Politiker befürchten laut Financial Times, dass ihnen ohne „Blogschau“ wichtige Themen entgehen könnten. Dazu Clarence Mitchell, Direktor der MMU: „Da finden online eine Menge Debatten statt, die es vorher einfach nicht gab und die Ministerien haben das Gefühl, sie müssen sich da engagieren.“ Er wies zugleich darauf hin, dass sich die MMU nicht selbst in die Debatten einmischen wolle. Möglicherweise werden aber die Ministerien selbst sich an den Online-Diskussionen beteiligen. (Quelle: Golem.de

Tja – die Briten. Die machen, was wir nicht machen. Die nehmen Blogs strategisch ernst. Hören hin. Und haben sicherlich einen pre-check gemacht, ob sich der Monitoring-Aufwand überhaupt lohnt. Mal schauen, ob sich die britische Politik dadurch verändert, durch diese neue Wahrnehmung von „Blog-Volkes Meinung“. 

Ich denke, man muss alles zur Kenntnis nehmen – journalistische Dickschiffe und Stadtteilblätter, Hörfunk und Flurfunk. Ob die Meinungsäußerung nun in einem Blog geschieht oder bei der Bürgersprechstunde des Politikers ist letztlich egal. Deswegen halte ich solch ein Monitoring prinzipiell für richtig, nein: für zwingend. Muss halt nur jemand machen …

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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