Erbarmen, die Hessen babbeln

Frankfurt ist Kommunikation. Ohne Gespräche, ohne Informationsaustausch ist diese Stadt kaum vorstellbar. Man könnte einen ganz großen Bogen spannen und diese Frankfurter Kultur des Miteinander Redens, Netzwerkens und (Ver-)Handelns über die Jahrhunderte verfolgen: Begonnen in der mittelalterlichen Kaufmanns- und Messestadt vorbei an seiner Geschichte als Motor eines parlamentarischen Deutschlands, kurz angehalten an den Denkmalen seiner Dichter wie Goethe und Gernhardt und Denker wie Schopenhauer und Adorno hin zu seiner heutigen Bestimmung als kommunikativer Nabel der europäischen Geldströme. Immer war Kommunikation, war Austausch, waren Verbindungen untereinander bestimmend für diese Stadt, die heute der wichtigste Verkehrs- und Internetknoten Mitteleuropas ist.

Man könnte dieser aufgeblasenen Historiographie aber auch die Luft ablassen wie einem Apfelweinfass im Herbst. Und einfach sagen: Der Hesse an sich babbelt gerne. Und am liebsten dann, wenn es gesellig ist und ein paar Gulden dabei rausspringen. Daher hat er das Telefon erfunden (Philipp Reis) und es geschäftstüchtig in den Handelssaal der Frankfurter Börse gestellt. Daher hat er die Schriftsteller der Welt und all ihre Bücher nach Frankfurt gelockt, um sich in der Messe an den größten Quassel-Stammtisch der Welt setzen zu können. Und natürlich hat er daher das Internet nach Frankfurt gebracht und den Registrar DENIC gleich dazu: 80 Prozent des bundesweiten Internetverkehrs laufen über die Backbones am Main, und der Hesse sitzt mit heißen Ohren im Nabel all dieser Informationsströme. Er ist sozusagen der Patron im Debattierzimmer, ohne den der Abend nicht beginnen kann. Und nebenbei klingelt es wohlig in seiner Kasse. So sieht Zufriedenheit aus.

Nun ist der Hesse zudem ein Geschöpf mit erstaunlicher Anpassungsfähigkeit. Das Social Web hat ihn in Windeseile auf einen höheren Evolutionsstand gehoben: Er zwitschert in allen möglichen Ausprägungen, sammelt emsig „Freunde“ wie seine Urahnen dereinst Beeren und schießt Handyfotos so präzise wie früher Mammuts – das Senckenbergische Institut hätte seine wahre Freude. Auch das Presse- und Informationsamt kann sich diesem evolutionären Schub kaum entziehen – und zwitschert eben mit. Konzept? Pffff. Es zwitschert, wie es dem Amt in den Schnabel kommt. Redaktionsplan? Nöö. Es sammelt auf Facebook, was die Stadt gerade so zu bieten hat. Und auf YouTube stellt es kurze Filmchen ein, die es für urkomisch hält. Manche Surfer, die der hessischen Sprache mächtig sind und über eine ähnliche Humorschwelle verfügen, klicken diese Filmchen tatsächlich an, wenige will man schon schmunzeln gesehen haben.

Man könnte es Me2 nennen. Oder einfach: Normalität. Dass die Stadtverwaltung ihren Followern, Fans und Freunden zuhört, ist keine modernistische Masche, sondern liegt schlicht an ihrer Neugier. Und dass sie mit ihren Bürgerinnen und Bürgern spricht – das ist so selbstverständlich wie die „Mussig“ auf dem Handkäs. Trotzdem geht ein erstauntes Raunen durch die PR-Branche: Die Stadt twittert! Und: Die antwortet tatsächlich auf Fragen… Potztausend! Dabei haben wir nur unseren Darwin gelesen. Wir können gar nicht anders. Wir quasseln, babbeln, quatschen bis anderleuts Ohren bluten. So simmer halt. Kein Erbarmen.

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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