Erst Österreich machte Frankfurt bedeutend

Alpenrepublik gestaltet „heuer“ die Kulturtage der Europäischen Zentralbank

Die Europäische Zentralbank holt jedes Jahr Künstler und Kulturschaffende aus ganz Europa nach Frankfurt – in diesem Jahr aus Österreich. Die Geburtstage von Mozart und Sigmund Freud sind der Anlass für vier Wochen Kulturaustausch zwischen der Alpenrepublik und der von Habsburgern privilegierten Stadt am Main.

Frankfurt am Main (pia) Im Frankfurter Kaisersaal hängen alle 52 deutschen Kaiser des Alten Reiches: alle in Öl, alle zwischen 1838 und 1853 gemalt – und etliche sind Österreicher. „Ein Rundgang durch den Kaisersaal gleicht einem Blättern im Familienalbum des österreichischen Fürstenhauses Habsburg“, sagt die Wiener Historikerin Brigitte Hamann nicht ohne Stolz. Ihr Rundgang durch die Kaisergalerie des Frankfurter Römers am 1. November ist einer der städtischen Beiträge zu den Kulturtagen der Europäischen Zentralbank. Nach Ungarn im letzten Jahr widmen sich die Kulturtage nun der Alpenrepublik: Vom 18. Oktober bis 14. November kommen österreichische Musik und Kunst, alpenländische Filme und Literatur sowie Ausstellungen und Vorträge an den Main. Alle setzen das kleine Land in einen Zusammenhang zu Europa – und oft auch direkt zu Frankfurt.

Einer der offensichtlichen Zusammenhänge zwischen Frankfurt, der Europäischen Zentralbank und Österreich ist mit dem Namen „Coop Himmelb(l)au“ verknüpft. Das Wiener Architekturbüro baut den neuen Sitz der zweitgrößten Notenbank der Welt mitten im Frankfurter Ostend. Einer der Gründer des Büros, Professor Wolf D. Prix, vertritt Österreich in diesem Jahr auf der Architektur-Biennale in Venedig – und spricht am 19. Oktober im Deutschen Architekturmuseum über zeitgenössisches österreichisches Bauen. Eines seiner Beispiele: das Frankfurter „Tortenstück“ des Wiener Architekten Hans Hollein. Dort – im Museum für Moderne Kunst – und in der Schirn-Kunsthalle waren zudem Werke eines weiteren Österreichers zu sehen, den Prix unter die Lupe nimmt: Friedrich Kiesler. Eng sind sie also, die Beziehungen Frankfurts zu (hauptsächlich Wiener) Architekten. Und fraglos familiär: Der Direktor der Schirn, der seit kurzem auch das Frankfurter Städelmuseum leitet, ist Hans Holleins Sohn Max.

Nicht weit entfernt vom Städelmuseum am Schaumainkai wohnte mit Paul Hindemith ein Vertreter der Neuen Musik. Das Ehrenmitglied der Wiener Konzerthausgesellschaft etablierte mit seinem Komponistenkollegen Theodor W. Adorno den neuen Stil der Zwölftonkomposition in Deutschland. „Frankfurter Schule“ trifft „Wiener Schule“ könnte man sagen: Adorno war ein Schüler Arnold Schönbergs, der mit seinem „Skandalkonzert“ erstmals die Atonalität in den großen Wiener Musikvereinssaal brachte. Diese Aufführung vom 31. März 1913 mit Kompositionen von Alban Berg, Gustav Mahler, Anton von Webern und eigenen Werken Schönbergs wiederholt das Attersee Institute Quartett am 4. November im Frankfurter Goethehaus (Großer Hirschgraben 23-25) – ein Konzert, das damals als „Watschenkonzert“ in die Musikgeschichte einging, weil die Zuhörer den Dirigenten verprügeln wollten. Die Zeiten haben sich hoffentlich geändert …

Das vollständige Attersee Institute Orchestra eröffnet zudem die Kulturtage am 18. Oktober im Großen Saal der Alten Oper. Das Orchester aus dem Attergau ist ein ganz besonderer Klangkörper: Auf der ganzen Welt werden die begabtesten Studenten ausgewählt, damit sie den einzigartigen Klang der Wiener Philharmoniker erlernen. Die Dirigenten sind zwar immer prominent, wechseln aber ständig. Damit geht das Orchester einen unkonventionellen Weg – ähnlich dem des Frankfurter „Ensemble Modern“ (Konzert am 27. Oktober). Auch dieses hat keinen festen künstlerischen Leiter. Das international bekannte Ensemble pflegt seit langem einen intensiven Kontakt zur österreichischen Musikszene, unterstützt etwa den berühmten Dirigenten und Chansonnier HK Gruber oder den jungen Komponisten Johannes Maria Staud.

Natürlich steht im Mozartjahr immer wieder Mozart auf dem Programm – das „Wunderkind“, das am 18. August 1763 als Knabe von sieben Jahren im Scherffensaal am Frankfurter Liebfrauenberg bereits seine „Geschicklichkeit“ unter Beweis stellte. Das Klavierduo Johanna Gröbner und Veronika Trisko gibt am 28. Oktober im Holzhausenschlösschen Mozarts Sonate in F-Dur (KV 497), das „Corso Wien“ verneigt sich ebenfalls an diesem Tag vor den „Mozartisten“, und die Mozartband „Volcano Allegre“ kreuzt am 3. November unerschrocken Klassik mit Rock und Pop (Bockenheimer Depot). Frankfurts beliebter Schlosskater Ferdinand sucht im Holzhausenschlösschen Spuren der Familie Mozart, und das Papageno Musiktheater führt seine Kinderoper „Die kleine Entführung aus dem Serail“ zusätzlich zu den Kulturtagen der EZB auf.

Auch Sigmund Freud, dem in Frankfurt ein eigenes Institut gewidmet ist, scheint durch. Zwar nicht explizit – aber Filme wie „Die Klavierspielerin“, „Mein Stern“ und „Lovely Rita“ (Deutsches Filmmuseum, 19. und 24. Oktober) spielen gekonnt-subtil mit dem Unter-Bewussten, dem Kampf um Zuneigung und Liebe.

Eine Premiere bietet das Liebighaus – anlässlich der Kulturtage präsentiert das Skulpturenmuseum die „Charakterköpfe“ des österreichischen Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt erstmals in Deutschland in einer großen Sonderausstellung. „Der Satirikus“ oder „Ein mit Verstopfung Behafteter“ entstanden zwar alle im 18. Jahrhundert, könnten aber durchaus komische Schöpfungen der „Neuen Frankfurter Schule“ Ende des 20. Jahrhunderts sein. Irritierend naturalistisch, welch lustige Grimassen die Alabasterköpfe des Österreichers ziehen.

Keinesfalls komisch, sondern staatstragend-ernst blicken die erwähnten Kaiser im Frankfurter Kaisersaal drein – dass es den Saal und die Kaisergalerie überhaupt geben kann, verdankt Frankfurt selbstverständlich wiederum einem Österreicher: Es war der Habsburger Karl IV., der die „Goldene Bulle“ erließ. Dieses Reichsgrundgesetz feiert dieser Tage seinen 650. „Geburtstag“. Ohne diesen Erlass wären in Frankfurt weder Könige gewählt noch Kaiser gekrönt worden – und wer weiß, ob aus Frankfurt dann die Stadt geworden wäre, die sie heute ist …

Harald Ille

[Dieser Artikel ist am 4. Oktober 2006 als „Wochendienst“ des Frankfurter Presse- und Informationsamtes erschienen. PDF-Datei: WD Kulturtage]

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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