Erwartet das Unerwartete

Karikaturenmuseum zeigt zum 80. das satirisch-komische Werk Tomi Ungerers

Frankfurt am Main (pia) Man kann, man muss das Unerwartbare erwarten bei diesem Zeichner: Frösche, die einem experimentellen Liebesleben mit einem Nikolaus fröhnen, Katzen, die sich sardinengleiche Mäusekonserven munden lassen, oder ein amerikanisch-imperialistischer Don Quijote, der nicht gegen sowjetische Ölförder-Windmühlen anzureiten wagt. Tomi Ungerer, eben 80 Jahre alt geworden, ist ein großer Satiriker, in Teilen gar Zyniker, ein „Großphantast des Fetischismus“ (FAZ) – und das ist unerwartet bei einem Mann, der vor allem unschuldige Kinderbücher illustriert hat.

Ein über vielen thronender Zeichner

„Ich bin mein eigenes ewiges Kind“, sagte der Achtzigjährige mit dem schelmischen Grinsen jüngst in der Kultursendung „ttt“: „Was ist ein blauer Himmel ohne Wolken? Langweilig. Gib mir einen Sturm: Dann ist was los!“ Kein Wässerchen also kann er trüben, der Weltstar aus dem Elsass. „Tomi Ungerer ist ein über Vielen thronender Zeichner“, sagt der Kurator der Ausstellung Bernd Fritz voll ehrlicher Anerkennung. „Man staunt und freut sich. Was er alles aus einem Schuh gemacht hat: eine Pastete, er lässt einen Zug hindurchfahren…“ Man schmunzelt, schüttelt den Kopf über den Einfall und fühlt sich wohl. „Einer der brillantesten Illustratoren der Gegenwart“, fand einst die New York Times. „Ungerer macht gute Laune“, findet Bernd Fritz.

Mehr Verstand als ein Psychologenkongress

Aber: Trägt „gute Laune“ allein für eine satirische Ausstellung mit über 170 Zeichnungen, dazu fünfzig bislang unveröffentlichten? Natürlich nicht, das erwartbar Unerwartete wird in das kleine Karikaturenmuseum am Frankfurter Weckmarkt einbrechen. „Wir haben versucht, die Spannbreite seines Werkes zu zeigen“, so Fritz. „Wir zeigen Zeichnungen, über die kann nur noch ein fern der Menschheit existierender Gott lachen.“ Das „Kamasutra der Frösche“ etwa – ein Werk, mit dem Ungerer die Sexwelle der 60-er und 70-er Jahre parodiert. Oder ein Objekt, das Frauenbeine als scharfe, schneidende Scheren zeigt. „Tomi Ungerer hat im kleinen Finger mehr Verstand als ein analysierender Psychologenkongress“, analysiert der Züricher Tages-Anzeiger.

Stilistisch universelles Universalgenie

Über 40.000 Zeichnungen hat Tomi Ungerer bisher fabriziert, in Straßburg hat er ein eigenes Museum, und sein OEuvre wird sehr häufig gezeigt – was in gewisser Weise Pech ist für die Frankfurter Ausstellung. „Wir haben nicht alle Werke bekommen, die wir wollten“, bedauert der Kurator. „Viele der satirischen Anti-Vietnam- und Anti-Rassismus-Poster waren eben erst ausgestellt.“ Das Caricatura zeigt statt dieser Originale die Poster zur Ausstellung – ein Beleg auch des stilistischen Variantenreichtums Ungerers. „Hier oben im Kopf werde ich jünger und jünger. Für mich wäre es langweilig, mein ganzes Leben bei einem Stil zu bleiben“, sagte er in „ttt“. „Freiheit“, schreibt FAZ-Redakteur Andreas Platthaus daher über das „Universalgenie“, „ist das wichtigste Element seines Schaffens“.

Meister der Andeutung

Als Cartoonist freilich sieht sich das Universalgenie erwartbar nicht. „Er ist ein Zeichner, der nie in der ‚Titanic’ vertreten war – und bei ‚Pardon’ nur zu Anfang“, so Titanic-Mitherausgeber Bernd Fritz. Sprechblasen gibt es nicht, Bildergeschichten mit einer Pointe am Ende selten. Tomi Ungerer ist ein Meister der Andeutung, manchmal allerdings der sehr direkten – vor allem die Kritik an den USA, wo er über ein Jahrzehnt lebte und zum Weltstar aufstieg, war sehr drastisch. Logisch, dass er zur Ikone der 68er-Bewegung wurde, die ihn bis heute für seine Haltung bewundert. „Mit Humor kann man alles erledigen. Das ist mein Luxus. Meine beste Waffe. Genau wie Bleistift, Feder und Papier.“

Das Thema fürs Leben gefunden

Eine Waffe, die eine wichtige pädagogische Botschaft in die Welt bringen kann: „Ohne Angst gäbe es keinen Mut. Der Mut ist die Überwindung der Angst.“ Franz Josef Görtz von der Sonntagszeitung der FAZ hält den Zeichner aus dem Elsass für einen „Philosophen, der seine durchaus unsystematischen Lehren in Geschichten kleidet und seine Geschichten am liebsten in Bilder – damit Moral und Unmoral, Leben und Tod eine anschauliche Seite bekommen.“ Ein Philosoph, der für die New York Times den tiefschürfenden Weltslogan „Expect the Unexpected“ (Erwarte das Unerwartete) erfunden hat – obwohl er für viele wohl unerwartet nur das Thema seines eigenen Lebens verbalisierte…

Repräsentative Auswahl am Weckmarkt

Einige Tage nach seinem 80. Geburtstag feiert das „caricatura museum frankfurt“ zusammen mit dem „Musée Tomi Ungerer Straßburg“ den Zeichner, Illustrator, Grafiker und Schriftsteller. Am 7. Dezember eröffnet der Künstler zusammen mit dem ehemaligen französischen Kulturminister Jack Lang die Ausstellung „SATIRICON. Das satirisch-komische Werk“. „Bei seinen Scherzen dominiert ein milder Blick auf uns Sterbliche; nach Art eines gütigen Königs, der sich den Humor des lustigen Kindes bewahrt hat“, so die Einladung. Ungerer selbst würde es sicher unprätentiös-drastischer sagen: „Der Tod ist nur ein Zollbeamter für die Passage auf die andere Seite.“

Harald Ille

erschienen am 6. Dezember 2011 als Feature des Presse- und Informationsamtes.

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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