Gelassenheit. Und einen Drucker bedienen können.

Was macht einen guten Social Media Manager aus? „Empathie“, würde ich gerne rufen, wenn ich in einem Auditorium säße und diese Frage hören würde. „Gelassenheit“ würde jemand anderes rufen. „Recherche“ ruft jemand. „Sich selber nicht so wichtig nehmen“, würde ein pickeliger Nerd in der letzten Reihe sagen, zu dem sich dann alle ganz mitleidsvoll umdrehen und irgendwas von „ja, das eventuell auch“ nuscheln würden. Ganz automatisch schütteln sie dabei den Kopf. Social Media Manager verstehen sich schließlich als Avantgarde, und in gewisser Weise sind sie das ja auch. Wer weiß denn schon im #Neuland mit Threema und Scoopshot und so.cl was anzufangen? Wer hat denn schon, als die Postleitzahlen noch vierstellig waren, bereits Kinderbilder von sich selbst als GIF animiert in ein Frameset gestellt und mit feuchten Augen auf Mosaic betrachtet? Das war doch die Avantgarde, damals. Und wer fotografiert heute mit seinem Mobiltelefon sein Mittagessen oder seinen eigenen verdutzten Gesichtsausdruck in dutzendfacher Variation und crosspostet ihn überallhin, damit die NSA ihre liebe Mühe hat, mit ihrer solchermaßen gefoppten Gesichtserkennungssoftware den Überblick zu behalten? Ja, das ist doch die Avantgarde.

„Nein, Du hast ja gar nix verstanden“, sagt jetzt ein jugendlicher Mittdreißiger mit Kinnbart und viel zu großen Kopfhörern, die er nur leicht neben die Ohren geschoben hat. „Es geht hier doch um einen Kulturwandel.“ Um eine Revolution gehe es, sagt er und schaut kaum nach oben, die in erstaunlich wenigen Jahren einen Demokratie-Boost erzeugt habe. Die die Wirtschaft wie Bolle ankurbele. Die uns alle um Größenordnungen klüger mache und die selbst der Evolution in den Hintern trete. Er hat aufgehört zu tippen und sieht hoch: „Das ist doch Normalität heute, nix Avantgarde.“

Da mag er Recht haben. Mehr Smartphones in Deutschland als Einwohner gibt es. Fast meint man, den „Androiden“ als vorherrschende Lebensform in diesem Lande zu zählen. Ja, Online zu sein, ist längst nichts Außergewöhnliches mehr, und wenn man das nochmal aufzuschreiben für nötig hält , beweist man nur, wie sehr man die letzten Jahre hinter dem weltgeschichtlichen Ofen gesessen haben muss.

So wie das ZDF. Das hat zwar eine Mediathek, von der man vor wenigen Jahren nur hätte träumen können, mit einer App auf jedem Smartphone und Smart-TV abspielbar, mehrere HD-Sender, etliche Websites auf ziemlich aktuellem technischem und modischem Stand, Twitterkanäle, Facebookseiten, tolle digitale Sachen halt. Aber es hat halt nicht alles. Ein E-Recruiting beispielsweise. Das ist auch bis heute niemandem groß aufgefallen, gestört hat es nur die wenigsten. Im Analogen verhaftete, rückwärtsgewandte, sich dem Fortschritt entziehende Fernsehreporter, Nachrichten-Anchor, Kameraleute, Krimiautoren*: Sie haben ihre Bewerbungen – man stelle sich das vor! – nach Thurn und Taxis-Manier verschickt, mit einer draufgespeichelten Briefmarke, einem riesigen Briefumschlag und einer Art Schnellhefter mit ausgedruckten Seiten drin. Als ob sie sich als Drucker bei Johannes Gutenberg in Mainz bewerben wollten. Das halbe Auditorium lächelt gequält. Die andere Hälfte schüttelt weiterhin den Kopf, immer schön digital links-rechts-links-rechts-links-rechts. Und nuschelt dabei „#Neuland. :D“.

Oder die Frau an der Essenausgabe der ZDF-Kantine. Der Fahrer des 16 Tonnen schweren Ü-Wagens. Die Reinigungskraft, die die Redaktionsfußböden saugt. Sie alle, und mit ihnen mindestens 3.600 andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ZDF*, sind überhaupt nicht so hip wie die Social Media-Meute; sie drucken ihre Bewerbungen aus. Und warum? Weil es die Personalabteilung des ZDF auch noch so will. Heiliger Albanus Mogontiacensis, das ist ja schieres Mittelalter!

Aus Datenschutzgründen, sagt das ZDF, werden nur Papierbewerbungen angenommen. Ja, haben die denn gar keine Ahnung da in der Rechts- und der Personalabteilung des größten kontinentaleuropäischen Senders? Beschäftigen die da keine Experten, die das seit Jahren beruflich machen? Haben die noch nie was von Twitter und Facebook gehört – obwohl sie den „Elektrischen Reporter“ unter Vertrag haben?

Gut, dass wir Social Media-Menschen den absoluten Durchblick haben und ohne nachzufragen wissen: Die im ZDF [oder andere Behörden Ihrer Wahl eintragen] laufen blind und taub durch die Gegend, können ihren Job nicht und müssen froh sein, dass wir ihnen schnell mit ein paar frechen Postings ihre Unfähigkeit belegen können. Was sind wir Social Media-Menschen doch für saucoole Socken! Wenn man das aus historischen, intellektuellen und moralischen Gründen niemals sagen dürfte, wäre ich fast versucht zu schreiben: An unserem besserwisserischem Wesen soll möglichst schnell die Welt genesen.

Recherche – brauchen wir nicht, stört uns bitte nicht mit Fakten. Und Datenschutz ist uns eh egal, solange es uns nicht selbst betrifft und jemand anders den Job bekommt.

Empathie, sich hineinversetzen in die Nöte und Vorschriften, Arbeitsweisen und Strukturen einer Riesen-Organisation – pfff, wir wissen, wie man schnell einen hämischen Tweet absetzt. Das reicht völlig! Wozu sind wir Social Media Manager?!

Gelassenheit? GELASSENHEIT??? Ich glaub, bei Euch Nicht-Zwitscherern piept’s nicht richtig! Nur ein rotzfrech-sauwütend-unflätiger Rant hat heute noch eine Chance, überhaupt wahrgenommen zu werden! Ich gebe Euch Gelassenheit: Die Behörden und alle beim ZDF sind doof, so isses!

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tl;dr

Ich nehme mich selbst viel zu wichtig. Ob ich ein paar Online-Tools kenne, nur wenige benutze, und ob ich weiß, was online möglich ist oder nicht: Wie wichtig ist das? Für meinen Beruf ist es nötig. Aber ich kann dafür viele andere Dinge nicht, die andere Menschen mit anderen Berufen können. Ich habe mit „dem Internet“ eine Möglichkeit, meinen  Frust und meine Unflat in die Welt hinauszukübeln, andere haben andere Möglichkeiten – oder sie haben sie nicht.

Ich bin kein Human Ressources-Fachmann. Warum sollte ich besser wissen als die Leute, die das jeden Tag machen, wie man sich heutzutage sinnvoll und für die Zwecke des und Abläufe im Unternehmen optimal bewirbt? Und ich bin auch nicht so besonders, dass für mich und meine Kolleginnen und Kollegen extra der gesamte Recruiting-Prozess neu gestaltet werden muss – nur, damit ich mich mit einem Fancy-Storify-Feed bewerben und mir selber auf die Schultern klopfen kann, was ich doch für ein kreativ-extravagantes Kerlchen bin. Für andere Berufsgruppen – Kraftfahrer, Kabelträger, Kameraleute, Kantinenköche, Reinigungskräfte, Finanzbuchhalter – gibt es ja auch kein besonderes Bewerbungsverfahren. Alle drucken sie aus und schicken sie mit der Post hin. Damit alle Bewerbungen vergleichbar sind.

Denn darum geht es im öffentlichen Dienst: Einheitliche, vergleichbare, rechtssichere  Bedingungen zu schaffen, um die abertausend Bewerbungen strukturieren und jede einzelne fair bewerten zu können. Damit nicht jedes einzelne Bewerbungsverfahren vor dem Arbeitsgericht landet. Zu unser aller Rechtssicherheit. Alles, was man dazu tun muss, ist, ein Anschreiben zu verfassen, einen Lebenslauf zu tippen, seinen Drucker anzuschließen und den Sermon auszudrucken.

Was ist daran so schwer, liebe Social Media-Menschen?

*Fußnote, um sicherzugehen: Liebe Fernsehreporter, Nachrichten-Anchor, Kameraleute, Krimiautoren, die Frau an der Essenausgabe der ZDF-Kantine, der Fahrer des 16 Tonnen schweren Ü-Wagen, die Reinigungskraft, die die Redaktionsfußböden saugt und alle 3.600 anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ZDF: Mein Angriff auf Euch war und ist ironisch gemeint.

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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