GeschichtsFilmer

Sie harren so entweder im grausligen garagenähnlichen Chaos, wo in alten Pappkartons die wichtigsten Verfassungsurkunden einer Kommune lagern, der Dinge. Oder sie sind in den aus dem Fernsehen berühmten übermannshohen Archivschränken mit Drehkreuz und Führungsschiene klaustrophob eingesperrt. Nur wenn Guido Knopp mal vorbeikommt, öffnet der Hauptarchivar diesen Dokumentenknast einen Spalt breit.

Was in den Archiven bislang gefunden wurde, gerann und gerinnt dann in noch mehr dicht bedrucktes Papier. Stockwerk auf Stockwerk türmen sich die Bücher in den Bibliotheksburgen, und jedes Jahr wird mehr gedruckt als im Rekordjahr zuvor.

Einen Film hingegen veröffentlicht kaum ein als ernsthaft akzeptiert werden wollender Historiker. Guido Knopp mit seinem „oral history„-Projektansatz ist ein rühmliches Gegenbeispiel, das aber auch heftigst kritisiert wird. Doch warum ist ein Film per se kein ernsthaftes Publikationsmedium für Geschichtswissenschaftler? Vielleicht, weil es an „Quellen“ fehlt? Filmschnipsel mit dokumentarischem Charakter (und das können auch Kunstfilme sein, wenn sie den „Zeitgeist“ auf Zelluloid gebannt haben) gibt es nunmal erst seit etwas mehr als hundert Jahren. Und es fehlt wohl an der Möglichkeit, abstrakte schriftbasierte Gedankengänge filmlich darzustellen. Ein Aufsager eines Professors kann da nur eine Hilfskrücke sein. Und natürlich fehlt dem klassischen Film der Anmerkungsapparat. Heureka! Ohne Anmerkungsapparat keine Wissenschaft, so einfach und so einleuchtend. Denn der Anmerkungsapparat dient Wissenschaftlern ja nebenbei dem wirtschaftlich gebotenen Zweck, dort selbst möglichst häufig zitiert zu werden. Nur so lässt sich – und das ist im Netz ja kein Deut anders – die eigene Relevanz und die eigene Sichtbarkeit im Weltenmeer der Bücherfluten messen. Jedes Zitat eine Boje, jede angestoßene Kontroverse ein Leuchtturm.

Ich denke, dass diese Buchverliebtheit in der Historiographie bald aber ein wenig abkühlen wird. Die Textverliebtheit bleibt sicher – schließlich ist das Niederschreiben von Gedanken derzeit noch der einfachste und praktikabelste Weg, diese Gedanken zu fixieren und sie anderen intellektuell zugänglich zu machen. Dazu bedarf es aber nicht mehr zwingend des Buches, das meistens kaum über eine vernünftige Auflage hinauskommt. Wieviele Dissertationen sind nur in den vorgeschriebenen Bibliotheksexemplaren erschienen? Welcher wissenschaftliche Autor verdient wirklich Geld mit seiner „Kunst“? Und: Wer wird überhaupt gelesen mit seinen tausend leider nur über das Magazin der Bibliotheken bestellbaren Exemplaren?

Das Netz hilft hier: Prinzipiell kann jedwede Veröffentlichung von allen erreicht und gelesen werden. Die Relevanz messen die Suchmaschinen, die ja auch immer „intelligenter“ werden. Und auch der Anmerkungsteil wird nützlicher. Wenn zitiert wird, kann auch gleich auf das Original verlinkt werden. Das ist simples Hypertext – und wird leider von Wissenschaftlern noch viel zu selten genutzt. Und endlich können Filme, Audiofiles und Animationen in die Publikation eingebaut werden. Wissenschaft wird endlich „haptischer“ – und vor allen Dingen wird sie noch exakter und noch exakter „intersubjektiv nachprüfbar“ (was ein Lieblingsbegriff von einem meiner Profs war.)

Durch das Netz werden endlich auch Filme besser als Publikationsmedium nutzbar. Die DVD macht vor, wie ein ansonsten schwerlich „querzulesender“ Film in kleine Kapitelhäppchen zerlegt werden kann. „Web-TV“ (etwa hier beim WDR) mit seinen Kapiteleinteilungen links und den weiterführenden Links rechts macht die Filme auch enzyklopädisch nutzbar. Mit dem Phoenix-Archiv und anderen Film-Datenbanken wird (Dokumentar-)Filmen als Ausdrucks- und Publikationsform zumindest für Zeitgeschichtler sicher salonfähiger. Man müsste es einfach mal machen. Statt einer Dissertation einen Link abgeben auf dem Prüfungsamt. Naja. Macht wohl keiner.

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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