Gräzise präzisiert.

Meine lieben Kollegen wieder: individualistisch und normophob. Mit einheitlicher Rechtschreibung haben sie wenig am Hut, schreiben, wie es ihnen gerade so gefällt.

Das tue ich auch. Aber ich schäme mich wenigstens dafür. Konkret ging es heute um die neue Goethepreisträgerin (Glückwunsch, Frau Bausch). Choreografin. Mit F. Wie in Graf. Also, von edler Herkunft. dpa hingegen hat’s graecisiert und die Gräphin zur Schreiberin gemacht.

Meine Kollegen waren verwirrt. Zumindest einer. „Graf oder Graph, was denn nun?“, zeigte er sich sichtlich überfragt. „Eh egal, beides möglich!“, gähnte die andere, die ohnehin den elitären Standpunkt vertritt, dass man so schreiben solle, wie einem der Griffel gewachsen sei, das würden die Agenturen doch auch tun und die Zeitungen und eigentlich alle. (Dass beide, er wie sie, früher mal als Deutschlehrer die Einhaltung der Rechtschreibung kontrolliert haben, entbehrt mitnichten irgendeiner Ironie. Typisch germanistische Verbildung, möchte man mit Rotstift hinzufügen).

Nun muss man eine Haltung haben. Klar, geht beides. Der DUDEN ist wischiwaschi und hat resigniert. Auf den kann man nicht allzu viel geben. Aber wie man sich schreibt, so ist man, möchte man sagen. Ob ich mir die Haare blau färben lasse oder nicht, tut einiges zur Sache: Beides geht. Aber für welche Möglichkeit ich mich entscheide, prägt mein Image. Sagt über mich aus. Ob ich Vegetarier bin oder Fleisch esse, bestimmt mein Sein. Beides geht, aber beides geht nicht zusammen.

Und hier meine ich, müssten meine Kollegen Farbe bekennen. Neuorthografisch rot oder altdudig schwarz. Beides zusammen geht nicht. Entweder schreibe ich in alter oder in neuer Schreibung. Entweder Photograph oder Fotograf. Und nicht mal das eine am Anfang und das andere am Ende oder umgekehrt fixpunktfrei permutiert. Man muss eine Haltung haben.

Wer leserlich und einfach und arroganzfrei verständlich schreiben will, muss „Delfin“ schreiben. Und „zirka“. Und „Filosofie“. Wer sich was einbildet auf seine Vergangenheit an einem humanistischen Lyzeum muss den Delphin eben zum fantastischen attischen Orakel(n) machen und die sinfonische Symphonie zur polifonen Phantasie umdeuten. Nur, wer klar schreibt, denkt auch klar.

Wie gesagt, ich schäme mich für meine Ortografy byswheyhlen.

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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