In die Binsen.

Wenn ich eines wirklich mag, dann sind es Binsenweisheiten. Denn auch Binsenweisheiten sind Weisheiten, auf diese Binse legt der zweite Teil des Kompositums ja expliziten Wert. Mein »Bauch« mag sie auch; sie sind unmittelbar einsichtig und geben mir das gute unkribbelige Gefühl, das Richtige zu tun, wenn ich ihnen folge. Ein, zwei Binsen am frühen Morgen, und mein Tag hat Struktur.
Thilo Specht hat in seine heutige Kolumne einige großartige Binsen eingewebt. Zum Beispiel diese:

In der echten Welt spielen der menschliche Faktor, der Zufall und die glückliche Fügung oft eine größere Rolle als wir uns einzugestehen wagen.

Ich mag Binsen und ich bin nicht mal mittelmäßig klug. Aber das versteht sogar, wer sein ganzes Leben ganz eingeschränkt im viel zu kurzen Anthropozän verbracht hat: Der Mensch, insinuiert Thilo Specht, spielt in der Welt bedauerlicherweise eine gewisse Rolle, und eine unerwartet große allzumal. Potztausend, das ist natürlich starker Tobak! Die Schweine aus Animal Farm grunzen unzufrieden – sie hat mal wieder keiner auf der Rechnung.

Das erwähnte Bauchgefühl, Intellektuelle nennen es wohl Intuition, liegt Forschern, Systematikern und Planern sehr schwer im Magen. Sie hätten es gerne strukturiert, kategorisiert, nach Kriterien systematisiert. Ein diffus dräuendes, gefährlich dubioses Gefühl, das sich mir nichts, dir nichts unterhalb der Milz Gehör zu verschaffen sucht – dem aufgeklärten homo scientificus bereitet es Appendizitis. Planung und Systematisierung, das schmeckt diesem Zwilling des so rational sich gebenden homo oeconomicus. Lassen sie sich gar in gut verdauliche Arithmetiken einbacken wie eine Pastete, regt das seinen Appetit weiter an. Nein: Der Mensch ist der Gottseibeiuns in dieser Welt, der Zufall sein Werkzeug, die glückliche Fügung sein Teufelszeug.

Wir scheinen zunehmend überzeugt, dass alle Lebensbereiche sich modellhaft beschreiben und quantifizieren lassen.

Das ist die Konsequenz. Alles wird demnach binärisiert: Es ist entweder 1 oder 0 und lässt sich so hervorragend in Tabellen und Listen eintragen, die Maschinen verarbeiten können als wäre das echte Leben ein Datensatz aus rein virtuellen Eintragungen. Was Leben ist, was es ausmacht, dass es wunderbar entsteht und plötzlich unwiderruflich verlischt, dass jedes einzelne die Erde verändert, mit Memes bestückt und Genen diversifiziert – hach, das wussten wir ja gar nicht mehr. Es scheint, als hätten wir den Wald aus Paaren, aus Cousins und Basen vor lauter Bäumen aus Basenpaaren nicht mehr gesehen. Wir sind blind geworden, weil der Bildschirm unseren Blick abschirmt.

Je mehr wir uns auf Plattformen als Orte der Kommunikation einlassen, um so stärker passen wir unsere Kommunikation an deren technologische Gegebenheiten an.

Recht hat Thilo Specht: Mit dem Fernsehgerät kann ich nicht wirklich kommunizieren, ich kann es nur anglotzen und durch seine Programme zappen. Dabei ist diese Glotz’n’Zapp-Kommunikation das, was die Mehrheit der Menschheit in kürzester Zeit liebgewonnen hat und kaum davon lassen möchte nach einem anstrengenden Arbeitstag – und wenn das Pantoffelkino neuerdings Programme wie Zoho oder Netflix zeigt, bleibt es dennoch ein emotionsloses One-Way-Glotzofon. Gesellige Medien, die ein soziales Wesen wie den Menschen zwingend voraussetzen – er hat sie erfunden, er füllt sie mit Leben, nur für ihn sind sie da und haben ihren Sinn aus ihm –: Allesamt technologische Schimären, die die menschliche Kommunikation hinterlistiger Weise so verändern, dass sie an die binären Rezeptoren der jeweiligen Plattformen andocken können. Aus ganzen Sätzen wird 140-Zeichen-Gestammel, dessen konnotativer Wert erst durch Hashtags über seine Limitierungen hinaus so etwas wie einen Horizont bekommt; die (vermutlich) einzige Spezies auf diesem Planeten, die (vermutlich) so etwas wie eine Sprachkultur entwickelt hat, schränkt diese zugunsten eines maschinenvermittelten restringierten Codes freiwillig wieder stark ein. Wir geben unsere menschliche Souveränität an eine große tickende Weltmaschine ab – sagt mal, ticken wir überhaupt noch richtig?

Der Dialog in den sozialen Netzwerken wird zum Selbstzweck.

Ja, wenn es denn ein Dialog wäre! Ja, wenn es denn ein Zweck wäre! Dialog ist der kleinste gemeinsame Nenner einer Gesellschaft, die sich interagierend wähnt und die sich über interindividuellen Gedankenaustausch konstituiert. Bildung, auch die des Charakters, geschieht über Dialog und Memetik, lebenslang über Gespräche und zu Anfang auch über Nachahmung. Eine Gesellschaft, eine gesellige zumal, die über diese Formen des Mem-Erwerbs und der Mem-Verbreitung nicht mehr verfügt – wie kann sie künftig bestehen, wie sich entwickeln? Sie braucht den Dialog als Selbst-Zweck, als Zweck zum Selbst.

Lieber Thilo, ich habe Deinen Text nicht verstanden und bitte um maschinenunterstützten, kategorisierten Dialog.

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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