Kurzer Sommer – Lange Wirkung

Dass die Studentenbewegung einmal museal werden würde, hätten sich ihre Protagonisten damals nicht träumen lassen. Seit 1. Mai ist es nun soweit: die „68er“ sind im Historischen Museum ausgestellt, in der Stadt, die neben Berlin die deutsche Hochburg dieser „Revolution“ der Sechziger Jahre war. Von der „Frankfurter Schule“ beeinflusst, organisiert in der Frankfurter APO, lernten tausende bei „teach-ins“ und demonstrierten lautstark gegen die Ermordung Benno Ohnesorgs und die DDR. Die wütenden Proteste gegen den Schah und den Vietnamkrieg führten am Main und bundesweit zur nachhaltigsten Zäsur der Nachkriegsgeschichte – lang ist’s her.

Die Revolutionäre von damals sind heute in Rente und das Historische Museum betrachtet ihren Nachlass: Während viele der politischen Utopien utopisch blieben, hat sich die Alltagskultur verändert, ist modern geworden. Paare müssen nicht mehr verheiratet sein, um eine Wohnung zu mieten, Kinder wachsen weniger autoritär auf, Frauen erstreiten sich endlich ihre Rechte.

Den politischen Kampf gegen den Vietnamkrieg und die eigene Eltern mit starken Reden in Parka und Jeans, aber auch die Hippie-Einflüsse der Popkultur zeigt die bundesweit einzige Ausstellung zu „1968“ noch bis Ende August. Auf 700 Quadratmetern dokumentieren rund 700 Originaldokumente diesen kurzen Sommer der Revolte – Flugblätter, Transparente, Musik und Interviews bestücken ein multimediales „Erinnerungspanorama“, das einen heutigen Blickwinkel einnimmt, also mit den Augen der „Nach-68er“ auf die Studentenbewegung schaut.

Und das von einem „kurzweiligen“ Programm umrahmt wird, das einzelne Aspekte der „68er“ detailliert in Vorträgen und Filmsessions begutachtet: Frauenbewegung und Kritische Theorie, außerparlamentarische Opposition und sexuelle Befreiung, Neue Sinnlichkeit und Notstandsgesetze. 100 Programmpunkte, die den kurzen Sommer bis in den Herbst hinein verlängern und wirklich jeden Aspekt dieses Mentalitätswandels beleuchten. Stadtrundgänge führen zu den historischen „Orten der Bewegung“, in den Szenekneipen von damals liegen die heißesten Vinylscheiben auf den Plattentellern, und Andy Warhol und Janis Joplin sprechen aus der Konserve. Aber auch die damals brandaktuellen Debatten werden wieder geführt – an Originalschauplätzen.

Die Ausstellung „Kurzer Sommer – lange Wirkung“ ist bis zum 31. August im Historischen Museum am Römerberg zu sehen. Die Einzelheiten des kulturellen Rahmenprogramms „Langer Sommer – kurze Weile“ sind auf www.die-68er.de einzusehen.

[Dieser Text erschien im RMVmobil vom Frühjahr 2008 ]

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Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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