Philosophen schweigen lieber

Eigenartig: Wegen des blödsinnig-unadäquaten Gezwitschers zum Schulmassaker in Winnenden habe ich zum letzten Mal bis dato einen Blogpost gepostet. Ich wollte eine Twitter-Pause einlegen – was ich nicht lange gemacht/durchgehalten/verfolgt habe – und habe stattdessen eine Blogpause eingelegt. Das ist wirklich bemerkenswert, da „bloggen“ seriöser, inhaltsreicher und literarischer ist als das Gezwitscher. In 140 aufgeregten Zeichen kann man einfach keinen längeren Gedanken entwickeln. Jedenfalls ist es nicht trivial. Aber offenbar hat es mir die letzten Wochen einfach die Sprache verschlagen. Zu kurzem belanglosem Gestammel vor allem auch auf Facebook war ich aber geradezu euphorisch aufgelegt.

Anderen geht es vermutlich auch so:  „Hör mir uff mit Relevanz!“ Deswegen wundert es mich nicht, dass ich bei dem ebenfalls schrecklichen Massaker in Ostanatolien mit 44 Toten kein „Gezwitscher“ innerhalb meiner Timeline vernommen habe…! Hat’s niemanden interessiert, weil das Morgenland auch kulturell so weit weg ist von unserer heimeligen Großstadtwelt, in der Lady Gaga seit Wochen die Charts anführt? Dass ein Trainer bei einem Bundesligisten entlassen wird, war der ARD immerhin eine brennpunktähnliche Sportschau-Sondersendung wert. Das Türkei-Massaker war beim ZDF-Heute-Journal dagegen eine der letzten und hintersten Meldungen. (Der Nachrichtengrundsatz der Nähe beweist sich so mal wieder auf unappetitliche Art).

Wie ticken wir, und wie ticke deshalb ich? Ich bin derzeit jedenfalls etwas unschlüssig, was ich mit den Möglichkeiten, die mir das Web so gibt, machen soll. Nonstop Nonsense, den außer mir niemand witzig findet, in die Welt hineinmüllen? Oder lieber ernsthaft werden – auf die Gefahr hin, dass das Blog dann monatelang verwaist sein wird? Aufhören zu twittern, weil das Zeit, Nerven und in mehrfacher Hinsicht Energie spart? Und wieder mehr bloggen, weil das der Online-Reputation, diesem großen modernen Monstrum, besser zu Gesichte steht? Und mich aus Facebook wieder zurückziehen und aufhören, ausgerechnet meine Freunde (!)  mit 20 Posts am Tag zu nerven?

Helmut Thoma, der Ex-RTL-Chef, sieht  unser aller „WorldWideWeb“ in zehn bis 15 Jahren im IPTV aufgehen. Wird mein ungeschlachtes Geblogge in dieser Zukunft überhaupt noch wahrgenommen, wenn ich mit meinen krakeligen Publikationsversuchen jetzt schon an der Unsichtbarkeitsschwelle herumnavigiere? Bringt mir mein „Me2“ irgendwas in einer Welt, die allen Grund zum Kulturpessimismus gibt und deren digitalen wie intellektuellen Errungenschaften ich immer hinterherhechle wie der pickelige Außenseiter, der unbedingt von den coolen Jungs akzeptiert werden möchte?

Politische Debatten werden nicht über Twitter geführt – jedenfalls nicht bei den Leuten, denen ich folge. Echte Berufspolitiker sind darunter – und die schreiben, wenn überhaupt, dass die A5 verstopft und der Kaffee frisch aufgebrüht ist. Internas und Dissenzen werden nicht getwittert. Was bringt es also außer, dass man Präsenz zeigt? Si tacuisses philosophus mansisses.

Ich bin im Netz völlig irrelevant.  Ich muss jetzt mal nachdenken gehen.

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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