PR-Best Practice: 1.188 Takte des NCT

PR lebt heutzutage bekanntermaßen von Geschichten. Gute PR also von guten Geschichten – und diese müssen nicht einmal breit auserzählt werden; statt eines Romans reicht oft auch eine kleine Idee, ein Gegen-den-Strich-denken. Die Idee ist das „Narrativ„, die Idee selbst ist die Geschichte oder kann es sein.

Ein gutes Beispiel, das es vermutlich kein zweites Mal im deutschsprachigen Europa gibt, ist eine Fundraising-Aktion des Nationalen Centrums für Tumorforschung in Heidelberg. Die Sache an sich ist relativ trivial: Das NCT veranstaltet ein Benefizkonzert in der Heidelberger Stadthalle. Das Ungewöhnliche aber ist: Das NCT verkauft keine „Karten“, sondern „Takte“. 1.188 Stück davon. Orchester und Chor bringen an dem Abend auch nur diejenigen Takte „zu Gehör“, die auch verkauft werden. Es könnte also sein, dass man im Konzert sitzt, und mitten im schönsten Crescendo: urplötzliche Stille. Als ob jemand den Stecker gezogen hätte. Aus und vorbei.

Das will natürlich niemand – und daher hofft das NCT, dass es genügend Käufer für alle 1188 Takte findet, noch rechtzeitig vor Konzertbeginn, damit dem Kunstgenuss nichts im Wege steht.

Ich mag diese Idee meines Kollegen Jörg Fleckenstein und seines Teams. Weil sie viele Assoziationen hervorruft:

  • Die Idee, ein Musikstück in seine Takte zu zerschnitzeln und diese einzeln zu verkaufen, ist sicher neu und innovativ. Diesen kreativen verkäuferischen Ansatz mag ich sehr, weil er jeden „Käufer“ zu einem „Taktpaten“ macht. Man hält  mit den gekauften „Takten“ ein Stück des Werkes in Händen, dass es nicht gäbe, wenn man es nicht kaufte. Man ist somit selbst integraler, notwendiger Teil der Aufführung. Und nicht nur passiver, austauschbarer Zuhörer auf einem beliebigen Stuhl im Auditorium, den niemand vermissen würde, wäre er nicht da. Der Kauf einiger Takte ist sofort immanent „sinnstiftend“.
  • Alle Takte müssen verkauft werden, sonst sind die Konsequenzen für Musikliebhaber furchtbar: Das Stück wird amputiert, es hört einfach vor der Zeit auf wie eine Jukebox, in die niemand die restlichen Münzen wirft… Das ist „unerhört“ und völlig neuartig für ein Konzert. Es ist ein Bruch der „Harmonie des Ganzen“ und der „Werktreue“ – nur, wenn genug Geld zusammen kommt, wird es ein rundum runder Konzertabend, „a sound evening„, wenn man so will. Fehlen die Schlussakkorde, ist das Stück eben nicht mehr „intakt“ – und das schmerzt sehr.
  • Das Abbrechen des Stücks an einem bestimmten Taktstrich ist aber leider auch ein sehr drastisches Symbol für die Krankheit Krebs: Die Diagnose kommt meist ähnlich überraschend-abrupt und unvorhersehbar; von einer Sekunde auf die andere unterbrechen unerträgliche Stille, Leere und Hoffnungslosigkeit die alltäglich-fröhliche Normalität. Die Melodie des Lebens wechselt plötzlich, aber auf dramatische Art und Weise. Nichts ist mehr, wie es wahr, was bleibt, ist Schock.

Ein Benefizkonzert ist ein Benefizkonzert. Wie es schon tausende gab und wie es weitere tausende geben wird. Aber dieses am 20. Juni in der Heidelberger Stadthalle wird wegen seiner Idee, seiner Konsequenzen und seiner Involvierung der Zuhörer ein anderes Event sein; es entsteht durch Teilnahme und setzt sich im Gedächtnis fest durch sein „Narrativ“: Jeder kann „seinen“ Takt erwerben und mithelfen, dass mehr „intakt“ bleibt, als „nur“ ein Musikstück.

Die Idee zählt. Sie weckt Assoziationen. Sie erzählt eine Geschichte nicht über handfeste Fakten und nachvollziehbare Handlungen, sondern über die Geschichte, die im Kopf jedes einzelnen entsteht. Die Idee macht das Konzert besonders.

UPDATE 20.08.2015: Das Konzert ist auf YouTube in drei Teilen online (ich verlinke hier nur den ersten Teil). Wir haben zwei Kameras fest aufgestellt und ein Aufnahmegerät mitlaufen lassen. Das Video hat also nur dokumentarischen Charakter.

[Disclaimer: Das Universitätsklinikum Heidelberg, das mir meine Brötchen bezahlt, ist Teilhaber des NCT.]

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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