Simpler Sturz – oder prügelnder Gatte?

Klinikum eröffnet erste Gewaltambulanz in Baden-Württemberg

Traurig, aber leider wahr: Jedes Jahr werden in Heidelberg zwischen 300 und 400 schwere Gewalttaten angezeigt, im RheinNeckar-Kreis um die 600. Und um die eintausend Mal im Jahr – so die Zahlen der Polizei – wird in Heidelberg ein Mensch geohrfeigt, geschlagen, verprügelt. Kindesmisshandlungen, Vergewaltigungen, blutige Schlägereien – alles Straftaten, bei denen Rechtsmediziner sorgfältig und schnell Spuren sichern, Verletzungen untersuchen und dokumentieren müssen. Und das nicht nur bei Mord und Totschlag! Am 21. November hat das Klinikum daher die erste Anlaufstelle für Opfer von Gewalttaten im Land im Rechtsmedizinischen Institut eröffnet.

„Klinisch-forensische Ambulanz“ heißt der kleine Raum im Souterrain der Rechtsmedizin in offizieller akademischer Sprache; weil das ein wenig nach Pathologie klingt, spricht die Institutsleiterin Kathrin Yen lieber von einer „Gewaltambulanz“. Sie grenzt den Begriff aber eng ein: „Bei Ambulanz denkt man immer an eine Klinik mit grün gekleideten Medizinern und langen Wartezeiten.“ Die Heidelberger Gewaltambulanz funktioniert ein wenig anders: In vier von fünf Fällen packen die Rechtsmediziner ihre Untersuchungskoffer und fahren direkt in die Wohnungen, in der sich eine familiäre Tragödie ereignet hat; sie untersuchen mutmaßliche Täter in der Arrestzelle oder werden vom Jugendamt oder der Polizei angefordert. Nur das restliche Fünftel der Untersuchungen findet in dem kleinen Raum des alten Klinkerbaus im Altklinikum statt. „Prinzipiell richtet sich die Gewaltambulanz an alle Menschen, die von Gewalt betroffen sind“, erläutert Prof. Kathrin Yen, „aber auch an Menschen, die einer Tat bezichtigt werden, also Tatverdächtige.“ Denn so wichtig es ist, dass die Rechtsmediziner belastendes Material bei Tätern und Opfern finden: Auch entlastendes Material wird hier gesucht. „Im Prinzip geht es uns immer darum, herauszufinden, was sich tatsächlich zugetragen hat in einem Fall“.

Schnell muss es gehen

Schnell muss es vor allem gehen, damit die Beweise noch frisch sind – oder Substanzen überhaupt noch nachgewiesen werden können. K.O.-Tropfen etwa können nur für kurze Zeit, etwa zehn Stunden nach Verabreichung, zweifelsfrei im Organismus aufgespürt werden. Aber nicht nur schnell, vor allem auch schonend für die Opfer: Bei Sexualdelikten etwa untersuchen Arzt und Rechtsmediziner gemeinsam die missbrauchte Person oder das misshandelte Kind. Zehn Rechtsmediziner sind daher rund um die Uhr in Rufbereitschaft, die Notfallnummer 0152/54648393 ist immer erreichbar.

Vor ihrer Berufung nach Heidelberg hat Institutsleiterin Kathrin Yen eine Gewaltambulanz im österreichischen Graz eingerichtet und dort Jugendämter, Kliniken, Polizei und Hilfeeinrichtungen vernetzt. In Heidelberg hat sie diese Struktur bereits vorgefunden: Schon im Jahr 2008 hat Bürgermeister Wolfgang Erichson alle wichtigen Partnerinnen und Partner an einem Runden Tisch zusammengebracht, um häusliche Gewalt gemeinsam zu bekämpfen. Auch das Klinikum hat sich dabei verpflichtet, einen strukturierten Ablauf zu gewährleisten: Wenn Ärzte Verdacht schöpfen, dass die blauen Flecken eines Patienten nicht von einem angeblichen Sturz, sondern einer gewalttätigen Auseinandersetzung herrühren, rufen sie automatisiert die Rechtsmediziner herbei. Diese dokumentieren dann die Verletzungen, damit sie in einem späteren Gerichtsprozess genutzt werden können.

Runder Tisch in Heidelberg

Wichtig ist Prof. Kathrin Yen, dass möglichst viele Menschen, aber vor allem Kinder- und Hausärzte, Polizisten und Sozialarbeiter die Nummer der Gewaltambulanz kennen und anrufen, wenn sie bei Patienten und Klienten Misshandlungen entdecken. Der Heidelberger „Runde Tisch“ ist dafür eine wichtige Basis; die Gewaltambulanz ist aber für ganz Nordbaden zuständig. In der Region muss sich die Telefonnummer jetzt herumsprechen. Daher steht sie hier nochmals: 0152/54648393, immer erreichbar, tagsüber und nachts, unter der Woche und am Wochenende.

Harald Ille

(Der Artikel ist im KlinikTicker November/Dezember 2012 erschienen).

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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