Vermessung – Geodaten – Bodenordnung – Immobilienwerte

Rainer Müller-Jökel leitet seit einhundert Tagen das Stadtvermessungsamt

(pia) GoogleEarth hält Rainer Müller-Jökel für einen Anachronismus. Die Luftbilder, die sein Amt jährlich neu erstellen lässt, sind weitaus aktueller als das, was der Internetkonzern aus Kalifornien ins Netz stellt. Der neue Amtsleiter des Stadtvermessungsamtes hat zwei großformatige Ausdrucke vor sich liegen, beide vom neuen Stadtquartier „Frankfurter Bogen“. Google zeigt eine unbebaute Brache, auf der ein paar braune Bauwege den Fachleuten andeuten, dass hier wohl ein Neubaugebiet erschlossen wird. Müller-Jökel schätzt, dass das Google-Luftbild im Jahr 2002 aufgenommen worden ist – vor nunmehr acht Jahren. Die Aufnahme, die er daneben legt, ist deutlich präziser – und zeigt ein Neubaugebiet mit zahlreichen Häusern, einer Schule, Kitas, Spielplätzen und schmucken Gärten. Das Bild ist von der Befliegung im Sommer 2009. Und die 2010-er Luftaufnahmen werden gerade von den Experten des Stadtvermessungsamtes für den Frankfurter Internet-Stadtplan aufbereitet.

Zweieinhalb Kilometer Daten

Diplom-Ingenieur Rainer Müller-Jökel ist seit gut 100 Tagen neuer Leiter der größten kommunalen Vermessungsstelle Hessens – einem Amt, für das die klassische Vermessung draußen im Feld nur ein Teilbereich des breiten Aufgabenspektrums Vermessung, Geodaten, Bodenordnung und Immobilienbewertung darstellt. Sein Haus verarbeitet unvorstellbar viele Geodaten: Gebäude, Immobilienwerte, Stadttopografie, wie Bordsteine, Bäume im Straßenbereich und vieles mehr. In der digitalen Stadtkarte kann so ziemlich alles eingetragen werden und – und dafür treibt das Amt den Aufwand ja – auch wieder zielgenau ausgelesen. Vielfältige Stadt- und Themenkarten – auch kostenlos über den Internetstadtplan erhältlich – sind weitere Arbeitsergebnisse.

Die neueste größere Anschaffung ist ein „terrestrischer Laserscanner“, der Gebäude, Fassaden, Brücken und vieles mehr millimetergenau abtastet. Die Fassaden mehrerer Schulen hat das Stadtvermessungsamt mit dem Laserscanner haarfein dokumentieren können, auch die Schwedlerbrücke im Osthafen hat das Amt gescannt. Die Satelliten-Vermessung mit GPS ist bereits seit einigen Jahren im Einsatz. Das Computernetzwerk des Stadtvermessungsamtes schluckt die Unmengen an Daten problemlos – und hat noch soviel Kapazität, dass es den IT-Support für das neue Planungsdezernat gleich mit übernimmt. Die 15 Terabyte an Daten, die das Amt verarbeitet, würden auf 21.428 CDs passen – nebeneinandergelegt mehr als zweieinhalb Kilometer.

Fünf Abteilungen – ein Amt

Vier Fachabteilungen und eine Verwaltungseinheit führt der bekennende 1. FC-Köln-Fan, der bereits seit 1983 in den Diensten der Stadt Frankfurt am Main steht. Seine frohe rheinische Art ist ein Glücksfall für die Stadt, mit ihr bringt er unterschiedliche „Kulturen“ seines Amtes clever unter einen Hut: Ingenieure in der Vermessungsabteilung, IT-Fachleute in der Geodatenverarbeitung, Landmanager und Rechtsexperten in der Abteilung Bodenordnung – und Ökonomen, die Immobilienconsulting und Immobilienbewertung betreiben. Die Immobilienbewertung wird wegen der gestiegenen steuerlichen und bundesweiten Anforderungen zu einer immer wichtigeren Aufgabe für das Amt, das alle Eigentümerwechsel von Grund und Boden, Wohnungen, Häusern und Gewerbeobjekten in der Stadt (anonymisiert) erfasst und analysiert. Die Geschäftsstelle des Gutachterausschusses für Grundstückswerte ist ebenfalls beim Stadtvermessungsamt angesiedelt. Die Vorbereitung von Verkehrswertgutachten und die Ermittlung der Bodenrichtwerte gehören zu den wesentlichen Aufgaben. In den jährlich erscheinenden Marktberichten sorgen Umsatzzahlen, durchschnittliche Kaufpreise für Wohnimmobilien, die Preisentwicklung sowie zahlreiche weitere Marktdaten für eine umfassende Transparenz auf dem Immobilienmarkt.

Die Abteilung Bodenordnung realisiert Bebauungspläne und schafft Bauland wie derzeit in Harheim-Süd oder vor einigen Jahren im Frankfurter Bogen. Dort hat das Amt mit rund 400 Eigentümern verhandelt und ihre Gartengrundstücke in einem gesetzlich geregelten Grundstückstauschverfahren, der Umlegung, in erschlossenes Bauland umgewandelt. Bei diesen Projekten kann das Stadtvermessungsamt all seine Kompetenzen auf einmal anwenden: Geodaten, vermessen, bewerten, Grundstücke neu ordnen und die Ergebnisse in den neuen Karten und Luftbildern dokumentieren.

Eine hochmodernes Geoinformationssystem

Das aktuell bedeutendste Projekt ist die Einführung eines Geoinformationssystems der allerneusten Generation (sog. BasisGIS), mit dem zukunftsweisende Strukturen im Geodatenmanagement geschaffen werden. Der Aufbau einer neuen Systemarchitektur (Hard- und Software) basiert auf dem sog. 3A-Modell und beinhaltet zugleich die Umstellung auf ein neues europaweites Raumbezugssystem. Mit dem modernen Geoinformationssystem werden die amtlichen Geobasisdaten mit den vielfältigen kommunalen Fachanwendungen vernetzt und auf Geodatenportalen web-basiert bereitgestellt. Die kommunalen Geodaten des Stadtvermessungsamtes werden neu modelliert, um diese an internationale Standards anzupassen. Die Umsetzung erfolgt mit einer vierstufigen Projektorganisation, in die zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Amtes eingebunden sind.

Breites Aufgabenspektrum – Fülle von Aufgaben

Es ist ein breites Aufgabenspektrum, zu dem sich das Stadtvermessungsamt derzeit strategisch neu aufstellt: erstens eine konsequente technologische Modernisierung der Arbeitsprozesse, zweitens eine zeitgemäße Kommunikationskultur im Amt mit moderner Personalführung und drittens die Ausweitung der Dienstleistungsfunktion für Bürger, Wirtschaft und Verwaltung – an diesen drei Zielen arbeitet Rainer Müller-Jökel derzeit intensiv mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Wegen der Fülle an Leistungen, die sein Amt für die Stadt und vor allem für das Dezernat Planen, Bauen, Wohnen und Grundbesitz erbringt, denkt der Amtsleiter vorsichtig über einen neuen Namen für sein Amt nach; ähnlich griffig und knapp wie der jetzige soll er sein, aber das breite Kompetenz-Portfolio besser abbilden. Sein vorerst wichtigstes Ziel ist aber ein emotionales: einen verbesserten Teamgeist unter seinen rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu schaffen und einen offenen Kommunikationsstil zu etablieren. Für einen weltoffenen und weitgereisten Kölner sicherlich keine allzu schwierige Aufgabe: Die ersten Mitarbeitergespräche sind längst geführt, der erste Führungskräfte-Workshop bereits terminiert. „Die Kunst besteht nicht darin, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, sondern mit den Augen die Tür zu finden“, zitiert der Vater zweier studierender Söhne und einer „schulpflichtigen Frau“ (sie ist Mathe- und Kunstlehrerin) ein Bonmot. Unwahrscheinlich, dass der Vermessungsingenieur die Tür nicht finden sollte; zur Not behilft er sich eben mit einem Luftbild …

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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