Vielseitigkeit statt Abschottung

Ein Gottesdienst in Frankfurt eröffnet die „Interkulturelle Woche“

Frankfurt am Main (pia) Der „König von Deutschland“ heißt Eko Fresh und ist ein türkischstämmiger Rapper. Feridun Zaimoglu gewinnt einen bedeutenden Preis für deutsche Literatur nach dem anderen. Und das schönste „Ja!“ im deutschen Fernsehen hauchte die erfolgreiche Braut Gülcan Karahanci. Die größte ausländische Minderheit hat selbstverständlich Teil an dieser Republik, ist Teil unserer Kultur geworden. So scheint es zumindest.

Unter dem Motto „Teilhaben – Teil werden“ spüren die großen christlichen Kirchen und andere Religionsgemeinschaften diesem Integrations-Phänomen nach. Hat eine Muslima in Deutschland die gleichen Chancen wie ein Katholik? Machen Bosnier oder Bangladeshi andere Erfahrungen in Schule, Ausbildung und Beruf als Hamburger oder Hessinnen? Und: Welche Perspektive haben Menschen ohne Papiere? Die „Interkulturellen Wochen“ lotet diese Fragen und ihre sicher nicht einfachen Antworten vom 21. September bis zum 7. Oktober aus – in Frankfurt und in neun anderen deutschen Städten.

Am Freitag, 21. September, startet die Woche mitten im Herzen Frankfurts gleich mit einem Novum. In der Katharinenkirche an der Hauptwache feiern der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Karl Kardinal Lehmann und der griechisch-orthodoxe Metropolit Augoustinos einen gemeinsamen Gottesdienst zusammen mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Prof. Dr. Christoph Kähler – die Frauenbeauftragte der islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH) Naime Çakir spricht dabei ein muslimisches Grußwort.

Einen solch hochkarätig geleiteten und konfessionsübergreifenden Gottesdienst als bundesweites Startsignal für die Interkulturellen Wochen gab es noch nie. Die Veranstaltungsreihe selbst findet seit 1975 statt. Zunächst als „Woche des ausländischen Mitbürgers“ ausgerufen wird sie mittlerweile jedes Jahr in rund 200 Städten und Gemeinden organisiert. Sich begegnen, Kontakte knüpfen, sich gegenseitig besser verstehen und so Vorurteile abbauen, das ist das Anliegen der Veranstaltung, die der „Ökumenische Vorbereitungsausschuss“ bundesweit auf die Beine stellt. Am einfachsten geht das, wenn die einzelnen Glaubensgemeinschaften alle Bürger zu sich einladen. So wie in Frankfurt etwa: Das Tibethaus in Bockenheim und der mesopotamische Tempel in Fechenheim öffnen ihre Türen, der buddhistische Kulturverein im Ostend auch, und am „Tag der offenen Moschee“ am 3. Oktober laden gleich sieben Frankfurter Moscheen zur Besichtigung ein – Frauen willkommen.

Es war jedoch keine „Kuschelpädagogik“, die die Kirchen in den siebziger Jahren antrieb, die Woche aus dem Taufbecken zu heben, sondern eine gesellschaftspo-litische Einsicht. Nach dem Anwerbestopp 1973 war offensichtlich geworden, dass die im Wirtschaftswunder angeworbenen ausländischen „Gastarbeiter“ hier blei-ben würden. Integration indes war nicht vorgesehen – und weil die Politik sie nicht vorantrieb, sprachen die Kirchen zum „Tag des ausländischen Mitbürgers“ 1978 die ungeliebte Wahrheit aus: „Für viele ist die Bundesrepublik zum Einwanderungsland geworden.“ Zwei Jahre später provozierten sie mit einer noch heikleren These: „Wir leben in der Bundesrepublik in einer multikulturellen Gesellschaft.“ Dies war der Anstoß für eine lebhafte Debatte, die sich über die 80-er und 90-er Jahre erstreckte und die tatsächlich politische Folgen hatte, in Frankfurt zum Bei-spiel: 1989 wurde hier ein Dezernat und ein Amt für multikulturelle Angelegenhei-ten geschaffen. Das so genannte „AmkA“ mischt nun bei der Organisation der „Interkulturellen Wochen“ in der Mainstadt federführend mit.

Dick ist der Veranstaltungskatalog, den das AmkA und der Ökumenische Vorbereitungsausschuss für Frankfurt erstellt haben: 84 Seiten stark, mit 109 Veranstaltungen, die zeigen, wie bunt die Stadt ist. Das Indische Kulturinstitut feiert Ghandis Geburtstag und der Mexikanisch-Deutsche Kreis den Unabhängigkeitstag, der Scottish Country Dance Club lädt zu Jigs und Reels ein, und „Bollywood“ wird als Kulturbrücke beleuchtet. Afrika kommt in den Fokus, eine Fotoausstellung zeigt die Länder links und rechts des Himalaja, begleitet von koreanischer Percussionmusik bei gemeinsamem Fastenbrechen mit der Ahmadiyya-Gemeinde. Und immer wieder wird über Glaube, Gesellschaftspolitik und Integration diskutiert: „Wozu braucht der Mensch Religion?“, „Kindeswohl für Flüchtlingskinder?“, „Situation der älteren Migrantinnen und Migranten“ – überall in der Stadt öffnen sich Gotteshäuser, Galerien, Sportvereine und Bibliotheken für diese Debatten.

Gemeinsamkeit und Vielseitigkeit also statt abschottender Fundamentalismus – das hat schon der in der Katharinenkirche getaufte große Sohn Frankfurts 1831 erkannt. Goethe schrieb, er habe „keine Konfession gefunden, zu der ich völlig hätte bekennen mögen.“ Diese typische Frankfurter Offenheit bestimmt auch die diesjährigen Interkulturellen Wochen vom 21. September bis 7. Oktober.

Harald Ille

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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