Wieso so, liebes WISO?

Inhaltlich war es ein Aufregerthema, keine Frage: Die Marktwirtschaft wird von Unternehmen ausgehebelt, in dem sie Preise absprechen. Wird diese Preisabsprache viel zu selten einmal aufgedeckt, sind die Bußgelder Peanuts im Vergleich zum bislang erzielten Zusatzgewinn. Klar, da kann man sich aufregen, und ich tue das auch wie gefordert.

Aber so, wie WISO das Thema aufgemacht hat, hätte ich am liebsten schnell wieder abgeschaltet. Und das lag an folgenden Faktoren, die WISO wohl für journalistisch hält:

  • Floskeln: Da ist ein Bürgermeister natürlich nicht einfach nur sauer, sondern selbstverständlich „stinksauer“. Was die Kartelle machen, ist natürlich immer „Abzocke“, „In die Röhre schauen dabei immer die Kunden“, und so weiter. Journalismus, der einem sprachlich „die Haare zu Berge“ stehen lässt.
  • Sprachliche Vergleiche mit der Mafia: Nun ja, Kartelle mögen etwas Mafiöses an sich haben. Ich glaube aber nicht, dass das Kaugummi-Kartell oder das eher niedliche, wie anfangs gezeigt, Feuerwehrauto-Herstellerkartell, mit vergleichbarer Brutalität und Menschenverachtung vorgeht wie die Cosa Nostra. Bitte, liebes WISO, hier ein bisschen den Ball flach halten – dadurch würde der Beitrag um Längen besser…
  • Alarmismus in der Kommentatorsprache: Das hat mich am meisten aufgeregt. Jeder Satz völlig überbetont, vor jedem wichtigen oder vermeintlich wichtigen Begriff eine bedeutungsschwangere Pause, um den Begriff selber dann fast kabarettistisch-ironisierend hervorzuheben. Gegen Ironie habe ich ja weiß Gott überhaupt nichts – aber hier war nicht klar, ob sich der Sprecher über den Inhalt lustig macht, sich über seinen besonderen Betonungsauftrag beeumelte oder diese Sonderbetonung beinahe jedes Hauptwortes für nötig hielt, weil er uns Zuschauer für zu blöde hält, die bodenlose Ungerechtigkeit der präsentierten Sachverhalte ohne diese Pointierung von selbst zu verstehen.
  • Diese Betonungen richten des Hörers Ohr zudem – ungewollt – auf Nebensächlichkeiten: Das Bußgeld des Sanitärkartells war 411 Millionen Euro hoch. Der Kommentator betont „400 ELF!“ Als ob die 11 wirklich so viel wichtiger wären als die 400… *kopfschüttel* Das war weder Zufall noch Ausrutscher, sondern Absicht. Die Betonung soll implizieren: „Auch das noch!“ Nicht genug damit, dass es 400 Millionen Euro Strafe sind, nein: 400 und 11 Millionen! „Das ist ganz besonders schlimm!!“ Und der Sprecher verkauft uns Zuschauer für dumm, obwohl WISO das ja den Kartellbildnern vorwirft. Eieiei…
  • Dann eine Umfrage unter Passanten, wie sie denn das fänden, dass die Preise höher seien durch die Absprachen? Potztausend! Alle befragten Personen fanden das schlimm und unerhört. Wer hätte das gedacht? … Wir werden von WISO für dumm verkauft, denn was anderes als dies soll diese Umfrage suggerieren: „Mensch, was für eine ‚Sauerei‘ (O-Ton), das sehen also auch andere so, dann hab ich es als doofer Zuschauer also richtig verstanden.“ Journalismus zum Abschalten.
  • Und dann noch das Beispiel einer einzigen Häuslebauerin, die von ihrer Sanitärfirma übervorteilt wurde. Sie steht für das arme Opfer, das wir alle sein könnten. Jeden kann es treffen – und, natürlich, es trifft ja auch jeden. Aber dieses Beispiel war doch ein wenig arg banal: Sie bekommt ein Angebot, und vergleicht die Preise. Und, wer hätte das für möglich gehalten: Die Preise waren höher als im Internet. Schon wieder eine Unverschämtheit mehr, lieber Zuschauer. Da kann man sich nur empören! EMPÖREN!!!

Ich hatte das ZDF und WISO zumal f%

Author: Harald Ille

Früher einmal Social Media-Beauftragter der Stadt Frankfurt am Main, dann in der Unternehmenskommunikation des Heidelberger Universitätsklinikums. Jetzt freiberuflicher "Digital Enthusiast". Journalist, Historiker, Dozent. Schreibt noch auf http://die-sharepointberater.de, auf http://kommunezwonull.de und auf http://www.abcdesjournalismus.de.

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